11/06/2026
Sie zählen Sterne auf Trikots.
Ich zähle, wie viele rote Linien diese WM schon überschritten hat. ⚽
Heute Abend, 21 Uhr, geht es los: Mexiko gegen Südafrika.
Eine WM ist für mich das größte Fest der Welt. Die Vorfreude stellt Geburtstag und Weihnachten zusammen in den Schatten.
Und genau deshalb tut es so weh, was passiert:
2018 Russland. 2022 Katar. Jetzt die USA.
Iranische Fans, die nicht ins Land dürfen – während zwischen beiden Ländern Krieg herrscht. Ein FIFA-Präsident, der erzählt, er hätte die Iraner „zur Not mit dem Bus aus Teheran abgeholt”. Die Spieler Senegals, die sich vor laufenden Kameras durchsuchen lassen müssen. Schuhe aus. Taschen leeren. Unter Generalverdacht.
Zuhause bringe ich meinen Kindern mit Engelsgeduld bei, ein „Stop” zu akzeptieren. Eine Grenze hören. Sie stehen lassen.
Und während ich das tue, schaue ich auf eine Welt, die genau das verlernt. Uns wundert nichts mehr. Das macht mir Angst – nicht die Grenzüberschreitung selbst, sondern dass wir aufgehört haben, sie zu spüren.
In meiner Arbeit begleite ich Menschen dabei, ihre eigenen Stop-Linien zu finden. Denn erst innerhalb von Grenzen wird Entfaltung möglich.
Und ich? Ich könnte der WM den Rücken kehren. Aber ich kann nicht.
Meine Kinder leben seit Wochen im Deutschland-Trikot. Im Kindergarten werden Sterne gezählt, Sticker gesammelt, mein Sohn hatte Tränen in den Augen wegen der Nachtspiele. Umso besser: Deutschland startet Sonntag um 19 Uhr gegen Curaçao – perfekte Anstoßzeit für die Kleinsten. 🇩🇪
Die ehrliche Wahrheit: Es fühlt sich nicht richtig an, sich zu freuen. Und ich freue mich trotzdem. Das ist der eine Stop, den ich nicht über die Lippen bringe.
Und werden wir Weltmeister, halte ich es wie mit Mitte zwanzig: Der Kater war die lange Partynacht wert.
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