06/06/2023
: Veganern fehlen Proteine?
Das Eiweiß in Fleisch gilt vielen noch immer als das "hochwertigste" überhaupt. Und so wird in einem stern-Artikel zum Thema "Sätze, die Veganer nicht mehr hören können" auch die Bemerkung "Aber der Körper braucht doch tierisches Protein" aufgeführt.
Dabei handelt es sich um ein ziemlich altes Vorurteil, das eigentlich seit über 100 Jahren widerlegt ist. Denn schon diejenigen, die im 19. Jahrhundert für "Pflanzenkost" plädierten, waren mit ihm konfrontiert. Den Ton in der Ernährungswissenschaft gab zu dieser Zeit Justus Liebig an, Chemiker und Ernährungsphysiologe. Im Jahr 1852 hatte er einen Fleischextrakt entwickelt, der zehn Jahre später in riesigen Mengen produziert und weltweit verkauft wurde; zufällig entwarf er dann auch die Theorie, dass allein tierisches Protein die eigentliche Quelle menschlicher Muskelkraft sei und schlug entsprechend Mindestbedarfsnormen für die tägliche Zufuhr vor. Den damaligen Ernährungsreformern ist das Verdienst zuzuschreiben, dieses "Eiweißdogma" empirisch widerlegt zu haben, noch bevor auch die etablierte Ernährungswissenschaft mit der Zeit einsah, dass sie falschgelegen hatte.
Besonders interessant sind die Maßnahmen, die der dänische Arzt Mikkel Hindhede durchführte. Ende des 19. Jahrhunderts unternahm er Ernährungsversuche und testete eine "möglichst eiweißarme Kost", um die von der Ernährungswissenschaft der Zeit vorgeschriebenen Mengen einer Prüfung zu unterziehen. 120 Gramm tierisches Protein galten damals als täglicher Mindestbedarf! Nach fünf Wochen fühlte er sich "ganz außerordentlich wohl, und ungemein arbeitslustig und ausdauernd", wie er berichtete, woraufhin er "allen Glauben an die alten Dogmen" verlor und seine ganze Familie auf die pflanzliche Kost setzte. Er bewies damit, dass, wie er sagte, der Mindestbedarf an tierischem Protein "gleich Null war"!