10/10/2017
Auf der Suche nach der heilen Welt gibt der Handel nicht genug Antworten
Nachhaltigkeit kommt nicht von allein in die Läden
Frage: Welche zwei Entwicklungen dürfen Retailer nicht verpassen, um in fünf Jahren noch relevant zu sein? „Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeit.“ Diese Antwort gab weder ein eingefleischter Öko-Aktivisten noch ein Bio-Anbieter. Vielmehr zitieren die Gottlieb Duttweiler Institute in ihrem Newsletter damit Simona Scarpaleggia, die Landeschefin von IKEA Schweiz. Ein Beweis mehr, dass Nachhaltigkeit im Handelsalltag angekommen ist. Und Scarpaleggia weist im Folgenden darauf hin, dass Nachhaltigkeit nicht von allein in die Läden kommt. Händler, die als „nachhaltig“ akzeptiert werden wollen, müssen selbst etwas dafür tun.
Das Engagement für Nachhaltigkeit lohnt sich. Das kann man an vielen umsatzstarken Erfolgsgeschichten ablesen. So wächst zum Beispiel das Marktvolumen des deutschen Gartenmarktes seit Jahren kontinuierlich an und wird 2013 die 16 Milliarden Euro-Hürde (zu Endverbraucherpreisen) überspringen. Nachzulesen in der Marktstudie „Markt:Monitor Garten 2012“, die im August 2012 als Neuauflage von BBE Handelsberatung, München, und marketmedia24, Köln, herausgegeben wurde. Darin erweisen sich „Garden Living“ und „gärtnern“ als boomende Märkte mit Langzeiteffekt. Die GPK-/Cookshop-Branche kann diese Entwicklung zum Beispiel an ihren Grill- und Einkoch-Umsätzen ablesen.
Nachhaltigkeit ist keineswegs nur das Leben im Grünen bzw. mit der Natur. Nachhaltigkeit fußt immer auf drei Säulen: Die ökologische Nachhaltigkeit will Natur und Umwelt erhalten. Die ökonomische Nachhaltigkeit schafft dauerhaft tragfähige Grundlagen für Erwerb und Wohlstand, und die soziale Nachhaltigkeit strebt eine zukunftsfähige, lebenswerte Gesellschaft, für alle Mitglieder. Diese Definition wurde bereits bei der Vergabe des Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2008 formuliert und dient seitdem als Geländer für nachhaltige Wege.
Seit Beginn der Nachhaltigkeits-Ära ist daraus ein breiter Trend geworden. Fast alle Branchen haben sich im „grünen Denken“ eingerichtet und eigenständige Hersteller- sowie Handelskonzepte haben Marktreife erworben. Für die Bekleidung, Vorreiter in Sachen Trend, resümiert das Branchenmagazin TextilWirtschaft nach dem Sommer-Messereigen 2012 sogar: „Die Veranstaltungen rund um ökologische und nachhaltige Mode sind ein fester Bestandteil der Berliner Fashion Week.“ Die vormals grünen Order-Projekte haben sich also als Messeplattform etabliert.
Impulse und Chancen für die Branche
Auch in der GPK/Cookschop-Branche sorgen nachhaltig motivierte Trends für Impulse und Chancen. Die frische, gesunde Küche, die Kräuterküche, das vitaminschonende und energiesparende Garen, Einkochen, Einmachen, Kuchen backen, vegetarische Küche, Aufbewahren/Vorrat, Rohkost-Küche sind nur einige Stichwörter dafür. Und wem der Fahrrad-Boom bewusst ist, der sollte getrost darüber nachdenken, mit welcher Ausstattung er Fahrrad-Fans aus GPK-/Cookshop-Sicht deren gesundes Hobby in der Natur schöner machen kann und dieses Sortimentsthema entsprechend herausstellen.
Es grünt so grün, daran gibt es nichts zu deuteln. Schließlich gibt es drei sehr gute Gründe, sich auf Nachhaltigkeit einzustellen: Geld, denn seit „Entdeckung“ der Nachhaltigkeit heißt es: „Nachhaltigkeit rentiert sich“. So traf die Krise von 2009 nachhaltig wirtschaftende Unternehmen weniger hart. Außerdem dämpft Nachhaltigkeit die Kosten. Nestlé senkte zum Beispiel von 2002 bis 2006 Wasser- und Abwasserverbrauch um 27 Prozent bzw. 37 Prozent. Wie viel Energiekosten allein bei Licht gespart werden können, das lesen inzwischen auch Fachhändler an der eigenen Stromrechnung ab. Auch der dritte Grund ist kein Geheimnis mehr: Nachhaltigkeit sorgt für Umsatz. Dabei ist das sogenannte „Green Living“ mehr als ein Trend.
Renaissance im Gemüse- und Obstanbau
Handwerk und Handarbeit boomen. Auf der Suche nach nachhaltigem Leben, Wohnen und einem Stück heiler Welt wird übrigens ganz nebenbei dem Trend der Individualität der Boden neu bereitet. Selber machen, das eigene Leben gestalten am besten im Einklang mit der Natur: nachhaltiges Streben hat vor dem Hintergrund von Wirtschaftskrise, Euro-Ängsten und Burnout-Statistiken neue Stärke gewonnen. Die Gartenbranche spricht sogar davon, dass der eigene Gemüse- und Obstanbau eine ungeahnte Renaissance erlebt: Die repräsentative Befragung deutscher Hobbygärtner durch die Kölner Marktforscher YouGov ergab zum Beispiel: Dass der eigene Anbau von Obst und Gemüse ein wichtiges Motiv fürs Gärtnern ist: Zu wissen, was auf den Teller bzw. in die Vorratsgläser kommt, sei demnach für rund 50 Prozent der Hobby-Gärtner wichtig. Wobei die jüngeren Zielgruppen überwiegen, die übrigens auch immer öfter auf den Wartelisten für einst verpönte Schrebergärten auftauchen. Im Spaß am eigenen Gemüse und Obstanbau sprudelt auch die Quelle für die wieder gekehrte Erfolgsstory „Einmachen- und Einkochen“, über die sich die Cookshop-/Haushaltswarenbrache noch immer ein bisschen verwundert die Augen reibt.
Aber die dahinter liegende Sehnsucht nach Sicherheit bleibt ein Marktmotor. Denn zum einen steckt darin eine Antwort auf die krisenbedingten Versicherungen: „Das Scheitern des Weltklimagipfels, Hilflosigkeit und Uneinigkeit gegenüber Despoten und Terror machen Angst für kommende Generationen“, erläutern Diplom-Psychologinnen Daniela Freund und Nanda Dukat im Newsletter des Rheingold Instituts die Gefühlslage. Zum anderen finden die Zeitgenossen im nachhaltigen Lifestyle eine Antwort auf die Digitalisierung und den wachsenden Stressfaktor des Alltages.
Nachhaltigkeit bekommt damit neue und stärkere Relevanz. Die Konsumenten verbinden nachhaltiges Leben mit Natürlichkeit. Natur-/Heimattrends und Brauchtum feiern in der Folge fröhliche Urstände. Relevant für die Sortimente sind außerdem saisonal „korrekte“ Ernährung – also keine Erdbeeren oder Spargel im Winter –, regionale und recycelte Produkte. Wobei der Handel mit der Unterstützung sozialer Welfare-Projekte noch mehr punkten kann.
Die Branche legt nach
„Öko“-Produkte bzw. Produkte mit nachhaltigen Beratungsfaktoren/Verkaufsargumenten mehren sich auch bei den Marken. Sie reichen vom „Made in Germany“ über nachwachsende oder recycelte Rohstoffe. Aufgeführt werden außerdem umweltschonende Produktionsverfahren oder schwermetallfreie u.ä. Materialien sowie Produktionsmittel. Auch Produkte, die im Haushalt der Konsumenten Energie sparen helfen, schonend mit dem Lebensmitteln „umgehen“, dank Multifunktionalität mehrfache Verwendung finden, per Design, Material, Verarbeitung und Qualität Langlebigkeit versprechen, sie alle passen hervorragend auf die Liste nachhaltiger Produkte. Auf der Suche nach nachhaltigen bzw. „guten“ Sortimenten wird man heute schneller denn je fündig. Doch nachhaltig gefüllte Regale machen keinen nachhaltigen Händler.
Handelskonzepte sind nur dann nachhaltig, wenn sie ganzheitlich gefasst sind: „Wir müssen uns um unsere menschlichen, ökonomischen und Umwelt-Ressourcen kümmern, und zwar in einer ausgewogen Art und mit einer langfristigen Vision“, unterstreicht IKEA Schweiz Chefin Simona Scarpaleggia. Nur dann sei ein Unternehmen wirklich nachhaltig und für die Kunden glaubhaft. Das haben auch andere längst verinnerlicht. Zum Beispiel legte sich die Metro Group in ihren „Umweltleitlinien“ von 2010 darauf fest, Umweltschutz als Verpflichtung zu sehen und Umweltverantwortung als Führungsaufgabe zu betrachten. Was im Großen ganze Mitarbeiterstäbe beschäftigt funktioniert im Kleinen, wenn der Chef es will. Und der muss mehr wollen, als nachhaltige Produkte von der Industrie zu erwarten. Ein nachhaltiger Händler muss vor der eignen Türe kehren.
Handel schöpft Potenzial nicht aus
Und er sollte es tun, denn das Ladengeschäft ist für deutsche Konsumenten Anlaufpunkt Nummer eins, wenn sie sich über die Nachhaltigkeit von Waren und Dienstleistungen informieren wollen. Darüber informiert das Institut für Handelsforschung (IFH), Köln, das in einem so genannten „CRS Tracker“ alle halbe Jahre die Wahrnehmung von Einzelhändlern aus Sicht von Verbrauchern registriert. Danach gaben 35 Prozent der Befragten an, sich direkt vor Ort mit den Produkteigenschaften vertraut zu machen und dass Nachhaltigkeit in Form von transparenter Information auch im Bereich Verpackung und Präsentation die Kaufentscheidung am POS beeinflusst. Vor diesem Hintergrund stellt der CSR Tracker Nachholbedarf im Handel fest. Dieser sei zwar in Sachen Nachhaltigkeitskommunikation generell auf gutem Weg. Trotzdem schreibe knapp die Hälfte der befragten Verbraucher Herstellern eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema Nachhaltigkeit zu als Einzelhändlern. Gutes tun und darüber reden, ist also angesagt. Bettina Willmann, Bereichsleiterin Forschung & Konzepte am IFH: „Der Handel zählt eindeutig zu den Nachhaltigkeitstreibern in Deutschland – schöpft sein Potenzial diesbezüglich aber noch nicht aus“.
Noch drastischer fällt die Feststellung der Münchner Rating-Agentur Oekom Research aus. Danach verfügen nur wenige Einzelhändler über “einen umfangreichen strategischen Ansatz mit klaren Definitionen und Zielsetzungen, um durch eine nachhaltige Sortimentspolitik soziale und ökologische Produkte zu fördern“. Der Rat nicht nur von Oekom lautet darum: Nachhaltig sein und das kommunizieren.
Zwar kann kein Fachhändler garantieren, dass „seine“ Produkte nicht von Kinderhänden entstanden. Gleichwohl verfügt er über nachhaltig beinflussbare Stellschrauben. Dazu zählen:
Nachhaltige Unternehmensführung mit umweltorientierter Sortimentsgestaltung und nachhaltigen Produkten. Nachhaltige Präsentation und Vermarktung. Der Umgang mit den Ressourcen, Technik/Logistik. Eine nachhaltige Kundenberatung, Verantwortung für Mitarbeiter und deren Arbeitsplätze, gesellschaftliches Engagement am Standort. Dies zu erfüllen macht nachhaltig.
Tipps fürs Handelsmarketing:
Nachhaltigkeit muss Bestandteil des Unternehmenskerns bzw. der Unternehmensstrategie sein. Allein das Führen von nachhaltig argumentierbaren Produkten reicht als Nachhaltigkeitsstrategie nicht aus. Nachhaltig orientierte Kunden erwarten mehr.
Für die Implementierung einer nachhaltigen Strategie empfiehlt KOM:pakt:
1. Die unternehmerische Entscheidung
• Der Nachhaltigkeit als strategische Ausrichtung eines Unternehmens muss eine eindeutige unternehmerische Entscheidung vorangehen.
• Zur unternehmerischen Entscheidung gehört die persönliche Motivation.
• Schreiben Sie Ihre persönliche Motivation auf.
• Leiten Sie daraus ein nachhaltiges Leitbild als Nachhaltigkeits-Philosophie bzw. –Erklärung Ihres Unternehmens ab.
• Halten Sie sich an Ihre eigene Nachhaltigkeits-Philosophie!
• Machen Sie Ihre Mitarbeiter zu Verbündeten:
• Kommunizieren Sie Ihre Philosophie in den Mitarbeiter-Kreis
• Erklären Sie Ihren Mitarbeitern Ihre Philosophie/Motivation und Ihre Ziele
• Erklären Sie Ihren Mitarbeitern die Nachhaltigkeit in deren drei Säulen (Ökologie, Ökonomie und Soziales)
• Verpflichten Sie Ihre Mitarbeiter auf die Nachhaltigkeits-Philosophie
• Machen Sie Nachhaltigkeit in jedem Mitarbeiter-Meeting zum Thema
• Messen Sie alle unternehmerischen Entscheidungen an Ihrer Nachhaltigkeits-Philosophie
2. Entwicklung/Einführung der Nachhaltigkeitsstrategie:
• Machen Sie (einen/einzelne) Mitarbeiter zu Nachhaltigkeitsbeauftragten.
• Setzten Sie mit Ihren Mitarbeitern inhaltliche und zeitliche Ziele
• Definieren Sie Stellschrauben innerhalb des eigenen Unternehmens. Zum Beispiel:
Soziale Selbstverpflichtung
Umgang mit Kundendaten
Bevorzugung nachhaltiger Produkte bzw. von Produkte aus nachhaltiger Produktion:
Laden / Umweltorientierte Betriebsführung
Ressourcenverbrauch, Energieverbrauch, Logistik/Transport, Firmenfahrzeuge, Abfallmanagement, Energie- und materialsparendes Management (Leuchten, natürliches Licht, Stromeinkauf-/Verbrauch, Verwaltung, Werbemittel, Packmittel, Büromaterial)
Mitarbeiter/Arbeitsplätze
Kunden-Beratung/-Kommunikation
Produktpräsentation und Vermarktung
Gesellschaftliches, bürgerliches Engagement
• Entwickeln Sie ein Vorschlagswesen, um nachhaltige Verbesserungen aufzudecken.
• Lassen Sie Ihre Nachhaltigkeitsbeauftragte(n) Optionen im Unternehmen erfassen, nachhaltige Änderungen kalkulieren
• Erstellen Sie einen Zeitplan für die Umsetzung
Interne Aufgaben – Laden – Mitarbeiter etc.
Hinterfragen und Kontrollieren des Fortschritts
• Erfassen Sie nachhaltige Fortschritte auf einer allen zugänglichen Nachhaltigkeitsliste
3. Umsetzung
• Kaufen Sie nachhaltige Produkte
• Fordern Sie von Lieferanten nachhaltiges Verhalten (Logistik, Einkauf, Zukauf, Materialien, Produktionsbedingungen)
• Machen Sie Ihre Kunden zu Verbündeten indem Sie Ihre Nachhaltigkeits-Philosophie veröffentlichen
• Zeichnen Sie nachhaltig empfehlenswerte Ware aus
• Erklären Sie Ihre Auszeichnung
• Laden Sie Ihre Kunden ein, nachhaltige Ideen einzureichen.