27/05/2026
„Wertschätzung muss ehrlich gemeint sein, sonst kann ich sie nicht annehmen.“
Diesen Satz höre ich sehr oft.
Und lange dachte ich: Ja, stimmt eigentlich.
Heute sehe ich das etwas differenzierter.
Denn was ist, wenn Wertschätzung für manche Menschen nicht selbstverständlich ist?
Was ist, wenn sie es nicht durch Erziehung, Vorbilder oder ihre bisherige Arbeitskultur gelernt haben?
Und was ist, wenn genau diese Menschen irgendwann merken:
Ich möchte das besser können.
Dann fangen sie an zu üben.
Sie schauen Menschen bewusster an.
Sie grüßen mit Namen.
Sie sagen öfter Danke und Bitte.
Sie loben Arbeit, die sie früher vielleicht einfach als selbstverständlich hingenommen haben.
Sie schreiben E-Mails plötzlich mit Anrede statt nur in knappen Stichpunkten.
Und ja: Am Anfang kann das komisch wirken.
Vielleicht denken andere:
„Was ist denn jetzt mit dem los?“
Oder die Person selbst denkt:
„Wenn ich das jetzt mache, glauben alle, ich bin krank.“
Aber ist geübte Wertschätzung deshalb unehrlich?
Ich glaube nicht.
Wir üben so vieles: Kommunikation, Führung, Konfliktfähigkeit, Zuhören, Grenzen setzen.
Warum sollten wir nicht auch Wertschätzung üben dürfen?
Schwierig wird es für mich dann, wenn Wertschätzung manipulativ eingesetzt wird.
Wenn sie nicht verbinden, sondern steuern soll.
Aber auch da lohnt sich manchmal ein zweiter Blick:
Ist es wirklich Manipulation?
Oder fühlt es sich nur ungewohnt an?
Vielleicht dürfen wir Menschen, die anfangen, Wertschätzung bewusster zu leben, ein bisschen Entwicklungsraum geben.
Vielleicht darf es sich am Anfang unbeholfen anfühlen.
Vielleicht darf man merken:
Da übt jemand gerade.
Solange die Intention stimmt, ist das für mich kein Zeichen von Unehrlichkeit.
Sondern ein Zeichen von Entwicklung.
Wertschätzung muss nicht immer perfekt klingen.
Aber sie sollte wachsen dürfen.
Wie denkst du darüber?
Muss Wertschätzung immer „ganz natürlich“ kommen – oder darf man sie auch üben?