24/12/2025
Tür 24 ✨
Ein hallstattzeitlicher ‚Heiligenschein‘
Vorstellungen einer mit Wasser und chthonischen (‚unterweltlichen‘) Mächten verbundenen Mystik prägten das Weltbild vieler prähistorischer Kulturen. Eine kleine, nur 19 cm große, menschengestaltige Keramikstatuette aus Mönchstockheim in Unterfranken (DE) erlaubt einen seltenen Einblick in die Glaubensvorstellungen der Eisenzeit. Beifunde und C14-Datierung weisen in die Hallstattzeit, den älteren Abschnitt der europäischen Eisenzeit (800–450 v. Chr.).
Die abstrakte, archaisch wirkende Figurine einer Frau fand sich in einem verlandeten Wasserloch, in dem sie gemeinsam mit einem Keramikstempel, Gefäßscherben und Knochengerät niedergelegt (oder versenkt?) wurde. Den Kopf der Kultfigur umgibt eine scheibenförmige Zier, in die ringförmig um das Gesicht vielleicht organischer Schmuck, wie Federn, Fellhaare oder Holznadeln eingesteckt war. Prunkvolle Frisuren oder Hauben mit Schmucknadeln oder Kugeln aus Bronze, Gold oder Koralle waren Teil der hallstattzeitlichen Frauentracht. Sie umrahmten Kopf und Gesicht wie ein Strahlenkranz und umgaben die Person – ähnlich wie der Heiligenschein der christlichen Muttergottes – mit einer sakralen Aura.
Die trichterförmige Eintiefung in Mönchstockheim führte zur Zeit der Niederlegung der Figur noch Wasser, weshalb die Verbindung mit dem kostbaren, lebensnotwendigen Nass eine erste Deutung als „Wassergöttin“ plausibel erscheinen ließ. Die Auffindungssituation spiegelt jedoch nur den letzten Moment in der Geschichte des Kultbildes wieder. Ihre Zerstörung und Deponierung geschah vermutlich im Rahmen religiöser Handlungen, die mit der Niederlegung des Kultobjekts im jenseitsbezogenen Unterweltmilieu von Quellen, Brunnen, Seen und Mooren ihren Abschluss fanden. Ob das Kultbild zuvor in einem Ahnenkult, der verehrten Vorfahren einen ‚heiligen‘ Status zusprach, bei Schutz- oder Fruchtbarkeitsriten Verwendung fand, bleibt indes offen.
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Holger Wendling (Archäologische Staatssammlung München) Archäologische Staatssammlung
Bildnachweis: © Archäologische Staatssammlung, Foto: S. Friedrich