19/10/2024
Mein Vater hat zwei große Lieben gehabt und eine Meisterkraft
Seine erste große Liebe ist meine Mutter. Und in weiterer Folge wir Kinder, die Enkelkinder, die gesamte Familie, seine Freundinnen und Freunde, seine Schülerinnen und Schüler. Wir alle konnten nicht anders, als ihn zu lieben. Nicht einmal meine Mutter. Er ist mit einer Wucht in ihr Leben getreten, sie ist seine große Liebe, er wurde ihre.
Gerhard war für viele ein Lieblingsmensch. Wegen seines Humors, seiner originellen Klugheit und wegen seiner Courage, mit der er liebevoll und, wenn nötig, heilsam irritieren konnte. Wenn beispielsweise verkrustetes Establishment ihn herausforderte. Er war wendig, schnell, zielsicher und witzig. Immer aus der Mitte seines riesigen Herzens heraus.
Seine zweite große Liebe
war die Zukunft beziehungsweise
die Version der Zukunft, die er ersehnte. Er hat mir oft seine ganz persönliche Interpretation der Evolutionsgeschichte erzählt.
Wie nämlich die UR-Entwicklungskraft des Lebens funktioniert.
Dass sich nämlich das Leben aus Sehnsucht und Vertrauen heraus entwickelt und weiterentwickelt. Ich war noch recht jung, als er mir ganz bildlich beschrieb, wie sich kriechende Amphibien danach sehnten ..... zu fliegen. Mit leuchtenden Augen beschrieb er mir diese Sehnsucht, aus der Flügel wachsen. Was er selbst wie riesige Flügel ersehnte, war eine gesunde Welt und ein gesundes Miteinander. Getragen davon be- Schrieb er unermüdlich, wie wir diese bauen können. Es ging ihm also um das GANZ GROSSE. Mit weniger gab er sich nicht zufrieden.
Seine Meisterkraft
erkannte er selbst als die Intelligenz der Faulen. Es war die Reduktion auf das Wesentliche mit dem Fokus auf Wirksamkeit. Als Bewegungsmensch lebte er das beim Schifahren: Minimaler Krafteinsatz, maximale Lockerheit und die Eleganz, des Menschen,
der das Spiel des Lebens versteht. Es war dieselbe Eleganz die Unebenheiten des Geländes beim Schifahren austarierte und spielend in den Weg einbezog, mit der er durch sein Leben ging. Die Unebenheiten auf seinem Weg waren verbissenes Leistungsstreben, Gier nach Profit und Macht. Er begegnete dem mit bestechendem Witz, Scharfsinn und Lockerheit. Seine Magie lag darin, liebevoll und mit Humor anzuecken. Er war dabei mitten in seinem großen Herzen zu Hause. Und von da aus ist er gekonnt und elegant angeeckt. Irgendwann konnte seine Eleganz nicht mehr mithalten mit der ganzen Courage. Mit zerbrochener Brille und blutiger Nase schmiss er die Schi ins Eck und fluchte. Zum Glück spielte er seine Meisterkraft nicht nur beim Schifahren aus, sondern besonders beim Schreiben, beim Inspirieren und Formulieren seiner Vision. So wie die Eleganz mit der Courage nicht mehr mithalten konnte, so konnten sein Körper konnte sein Geist irgendwann mit der Kraft seiner liebenden Vision nicht mehr mithalten. Für eine gesunde Welt, für ein gesundes Miteinander. Er wollte fliegen.
Wir haben uns heute von ihm verabschiedet.