17/08/2026
Woher haben Revisoren ihre Kristallkugeln?
Das fragt man sich vor allem dann, wenn genau das eintritt, worauf Monate oder Jahre zuvor schon hingewiesen wurde.
Dabei haben Revisoren keine Kristallkugeln.
Sie verbringen nur ungewöhnlich viel Zeit damit, sich eine Frage zu stellen:
„Was könnte passieren?"
Während andere Prozesse nutzen, versucht die Revision, sie durchzudenken.
Während andere nach dem Normalfall suchen oder die Prozessbeschreibung als Formsache abtun, beschäftigt sie sich mit Ausnahmen.
Während andere erklären, warum etwas funktioniert, überlegt sie, warum es irgendwann vielleicht nicht mehr funktioniert.
Es ist nicht Pessimismus, sondern schlicht der Beruf und das Bestreben, das Unternehmen und die Mitarbeitenden zu schützen.
Die eigentliche Herausforderung liegt ohnehin nicht darin, Risiken zu erkennen.
Oft sind die Risiken bekannt.
Die Herausforderung besteht darin,
sie verständlich zu machen,
sie glaubhaft zu machen,
die richtigen Menschen an einen Tisch zu bringen,
und genug Aufmerksamkeit dafür zu erzeugen, dass tatsächlich etwas passiert.
Denn zwischen einer bekannten Schwachstelle und einer geschlossenen Schwachstelle liegen häufig Budgetdiskussionen, Priorisierungskonflikte, Ressourcenengpässe und unterschiedliche Interessen.
Vielleicht werden Risiken deshalb so oft als Überraschung wahrgenommen.
Nicht weil sie unbekannt waren, sondern weil niemand geglaubt hat, dass genau dieses Szenario tatsächlich eintreten würde.
Und dann wirkt es plötzlich so, als hätten die Revisoren eine Kristallkugel gehabt.
Dabei haben sie nur die unangenehme Angewohnheit, unbequeme Fragen zu stellen.
Welche Prüfungsfeststellung hast du erlebt, bei der im Nachhinein alle gesagt haben: "Eigentlich war das absehbar"?