28/04/2024
WOCHENIMPULS
„Wenn wir lang genug auf irgendetwas schauen, eine Blume etwa, wenn man sie wirklich still, lange anschaut, wird man sich plötzlich des Wunders gewahr, dass es diese Blume gibt. Wir nehmen sie dann nicht mehr so als gegeben hin, sondern wir können nur staunen, dass es diese Blume gibt.“ Br. David Steindl-Rast
Wie magisch ist es, einfach nur zu sitzen und zu lauschen.
„Vor lauter Lauschen und Staunen sei still, / du mein tieftiefes Leben …“, wie Rilke es ausdrückt.
Oder: „Hinter den Dingen wachse als Brand …“, wie es in einem seiner anderen Gedichte heißt.
Vor einigen Jahren fuhr ich frühmorgens mit meinem Vater ins Ibmer Moor, dem größten zusammenhängenden Moorkomplex Österreichs. Er betreute in diesem Sommer das Jagdrevier eines Freundes, der längere Zeit krank war. Um halb vier Uhr morgens stiegen wir auf den Hochstand. Es war noch stockdunkel, und eine große Stille lag über den Gräsern, Moosen und Wasserflächen. Wie magisch schön war es, das Licht in seiner ständigen Veränderung und zunehmenden Intensität wahrzunehmen. Immer wieder raschelte, klapperte, zwitscherte es. Im Gebüsch bellte ein Reh. Zuerst hielt ich es für einen Hund, bis mich mein Vater flüsternd aufklärte. Der erdige Duft von feuchtem Moos, modrigem Torf und frischem Wasser lag in der Luft. Die zarten Sonnenstrahlen erwärmten die feinen Nebeltröpfchen und lösten sie auf. Unsere Herzen hüpften vor Freude, wenn ein Tier vor uns auftauchte. Stundenlang saßen wir schweigend nebeneinander. Nur manchmal deuteten wir in die eine oder andere Richtung, um uns etwas zu zeigen. Konzentriert versuchten unsere Blicke alle Details zu erfassen, wir lauschten und staunten. Ein ganzes Universum tat sich vor uns auf. In dem Wenigen zeigte sich alles. Alles war Augenblick und jeder Augenblick Wandel. Unvergesslich in meinem Herzen. Wie unglaublich dankbar bin ich meinem Vater, dass er mich von Kindesbeinen an mitgenommen und mir das Schauen und Lauschen in der Natur beigebracht hat. (Er durfte nie das Gewehr mitnehmen, wenn ich dabei war und hat mir als Kind erklärt, dass er nur auf alte und kranke Tiere schießt, was ich ihm nur zu gerne geglaubt habe ☺).
Mit weit geöffnetem Herzen liebevoll in Beziehung sein - nach außen und nach innen, mit uns selbst und mit der Welt. Anfängergeist im Hier und Jetzt. Immer wieder innehalten. Was bewegt mein Herz JETZT? Welche Themen beschäftigen mich JETZT, welche Gedanken? In welcher Beziehung stehe ich JETZT zu meinem Körper? Mit welcher Herzensqualität? Welche Töne höre ich JETZT? Immer wieder STOPP. Immer wieder NEU. Und alles darf sein in diesem Raum der Achtsamkeit, der alles trägt, das Angenehme und Unangenehme. Und das Beruhigungssystem einladen. Vielleicht zwei Atemzüge tiefer, vielleicht mir ein Lächeln schenken, einen Wunsch (z.B. möge ich geborgen sein ... in Liebe, Sanftmut, Güte sein ... dem Leben vertrauen ... mich annehmen, so wie ich bin ...) und dann erst weiter zum nächsten Schritt. So wie unser Bruder David uns immer wieder auffordert: STOPP - LOOK - und dann erst gehen.
Freudig leben im Hier und Jetzt, im „Weniger ist mehr“...
Eine Teilnehmerin des Achtsamkeits- und Mitgefühlskurses im Kloster diese Woche hat erzählt, dass sie seit einiger Zeit nur noch eine Tasse Kaffee am Tag zu trinken. Das ist ihr nicht leicht gefallen, denn sie liebt Kaffee, aber diese eine Tasse Kaffee genießt sie nun mit allen Sinnen und ist für jeden Schluck so viel dankbarer, als wenn sie wüsste, dass noch zwei, drei Tassen im Laufe des Tages folgen werden.
Da passt wieder wunderbar der Gedanke von Br. David:
„… Wenn wir aber das Gefäß der Dankbarkeit kleiner machen, indem wir unsere Bedürfnisse einschränken, dann fließt es schneller über, und damit wird uns die Freude der Dankbarkeit früher geschenkt. Es ist das Überfließende, was in der Sonne funkelt. Je weniger du hast, desto mehr schätzt du das, was du hast. Wenn alles Unwesentliche wegfällt, erkennst du erst, wie sehr du mit den Gaben des Lebens gesegnet bist.“
In diesem Wenigen funkelt in jedem unserer Atemzüge die Sonne, bringt uns in Beziehung …
„Quelle allen Segens,
Du segnest uns mit Atem.
Ein und aus, ein und aus ...
Er erneuert uns immer wieder aufs Neue und macht uns eins mit allen, die die gleiche Luft atmen.
Möge dieser Segen in eine gemeinsame Dankbarkeit überfließen, damit ich mit einem Atemzug das Leben preisen und feiern kann ...“
… und in jeder Umarmung, die wir schenken und die uns geschenkt wird.
Hier ein Video zu „Free Hugs“, die immer gut tun … am besten gleich weiterschenken ☺ https://youtu.be/hN8CKwdosjE
Habt eine segensreiche Woche voller liebevoller Umarmungen, staunender Hingabe im Sein
und mit vielen Momenten des Innehaltens, Schauens und dann erst Gehens.
Das wünscht euch von Herzen,
Eure Alexandra
Unsere Beziehungen liebevoll gießen ...
Danke lieber Br. Raphael für dieses liebe Foto aus dem inneren Kreuzgang, Kloster Gut Aich.