13/02/2022
Tierwohl kann man kaufen
Der Verein hat uns Mitgliedsbetriebe während des Lockdowns um ein Kurzvideo gebeten. Es sollte eine Grußbotschaft aus unserem Bauernhofalltag an unsere Gäste sein. Mir gefiel die Idee sehr gut und ich stellte mich in meinem Stalloutfit auf den Futtertisch unseres Anbindestalls. Eine nette Grußbotschaft ist entstanden mit Heu fressenden Kühen im Hintergrund. Zuerst gab es viele "likes". Ein paar Stunden später platzte allerdings meine rosarote Bio-Bäuerin-Bubble. Böse Kommentare standen unter meinem Post:"Kettenhaltung der Tiere!", "Tierquälerei", "Das soll Bio sein?"
Im ersten Moment war ich verblüfft, geschockt und überfordert. Schon befand ich mich inmitten einer Tierwohl-Debatte. Ich fragte mich plötzlich, ob ich meine Tiere schlecht behandle. Oder ob wir echt Tierquäler sind?!
Natürlich stellt die Kombinationshaltung nicht die idealste Haltungsform dar. Ein Neubau eines Laufstalls bedeutet aber einen großen finanziellen Aufwand und wir möchten unseren zukünftigen Hofnachfolger nicht vor vollendete Tatsachen und einen Schuldenberg stellen. Daher muss so ein großer Schritt gemeinsam beschlossen werden und gut überlegt sein.
Aber eine Kombinationshaltung bedeutet nicht, dass es unseren Tieren schlecht geht. Glück, Butter, Blia und all die anderen Pinzgauer Rinder im Stall sind gesund, vital und leistungsbereit. Sie bekommen jeden Tag bestes Futter. Sie kommen im Winter zwei bis drei Mal pro Woche in den Auslauf und erhalten jede Menge Streicheleinheiten. Den ganzen Sommer verbringen sie auf der Alm in absoluter Freiheit. Quasi 120 Tage Sommerurlaub. Also NEIN, wir haben kein schlechtes Gewissen und sind keine Tierquäler.
Ich sehe das Problem darin, dass viele Konsumenten/-innen nicht wissen, wie die Produktion aussieht und wie wir Bauern die Lebensmittel herstellen. Das Marketing gaukelt eine heile Welt mit sprechenden Schweinen vor und Hühner und Gänse, die im Hof herumflattern. Diese Bilder sind fernab jeder Realität.
Laut Umfragen sind Regionalität und Tierwohl kaufentscheidend. Trotzdem findet man im Supermarkt Lebensmittel zu Aktionspreisen. Wir Bäuerinnen und Bauern produzieren täglich Lebensmittel mit sehr hoher Qualität und, verglichen mit anderen EU-Ländern oder sogar weltweit, mit sehr hohem Standard bezüglich Tierwohl. Das ist mit hohen Erzeugerkosten verbunden. Und alternative Haltungsformen kosten zusätzliches Geld.
Wenn wir Bäuerinnen und Bauern einen angemessenen Preis für unsere Lebensmittel bekommen, können wir auch entsprechend in unsere Betriebe investieren. Ich bin nämlich überzeugt davon, dass jede Bäuerin und jeder Bauer nur das Beste für seine Tiere will. Und: Mit jedem Griff ins Regal entscheiden wir ALLE, wie viel uns Tierwohl wert ist.