22/08/2025
Bergsteigen ohne Seil fordert viele Todesopfer
ALPINISMUS Dreizehn Alpinisten sind in diesem Sommer in den Walliser Alpen ums Leben gekommen. Eine Gemeinsamkeit verbindet sie: Keiner von ihnen war Teil einer vollständigen Seilschaft. Ein Trend, der Fachleute beunruhigt.
LE NOUVELLISTE www.lenouvelliste.ch von Julien Wicky
Es ist eine beunruhigende Serie, die das Gebirge erschüttert. Seit dem 13. Juli und dem Absturz zweier österreichischer Alpinisten an der Dent Blanche sind in den Walliser Alpen dreizehn Menschen im Hochgebirge gestorben.
Dreizehn Opfer, darunter elf Ausländer, mit einem auffälligen gemeinsamen Punkt: Sechs waren allein unterwegs, die sieben anderen starben in Gruppen, die nicht angeseilt waren. Bis heute war bei keinem einzigen Unfall eine vollständige Seilschaft betroffen.
Unter Bergführern sorgt diese Entwicklung schon seit Jahren für Besorgnis. Beat Burgener, Bergführer in Saas-Grund, sagte uns bereits vor einigen Wochen im Zusammenhang mit einer Serie von Unfällen, am fälschlicherweise als leicht geltenden Lagginhorn: „An einem schönen Tag kam es vor, dass ich 50 bis 60 Personen allein unterwegs getroffen habe.“
Das Seil: Sicherheit oder Falle?
Schon 2016 berichteten wir über diesen sich abzeichnenden Trend, nachdem Bruno Hasler, Ausbildungsleiter beim Schweizer Alpen-Club, eine deutliche Zunahme von Unfällen festgestellt hatte, bei denen Personen allein oder ohne Seil unterwegs waren – zwischen 2006 und 2015. Den von der Kantonspolizei in den letzten Jahren erfassten Unfällen nach zu urteilen, hat sich die Tendenz noch beschleunigt.
Auch Alain Melly, Bergführer und technischer Ausbildungsleiter der Bergführerausbildung im Wallis von 2012 bis 2017, beobachtet dieses besorgniserregende Phänomen. Telefonisch aus Graubünden erreicht, genauer gesagt beim Abstieg vom Piz Morteratsch, muss er nicht weit ausholen, um ein klares Bild zu zeichnen: „Erst heute Morgen habe ich eine Gruppe in einer vereisten Flanke gesehen, deren Seilhandhabung wirklich problematisch war. Im Falle eines Sturzes wären alle mitgerissen worden. Manchmal ist es besser, wegzuschauen.“
„Das eigentliche Problem ist, dass man die Berge konsumieren will, ohne sich die nötige Zeit zu nehmen.“
ALAIN MELLY, BERGFÜHRER UND EHEMALIGER AUSBILDUNGSLEITER DER BERGFÜHRER IM WALLIS
Diese Einschätzung teilt auch der Anwalt und erfahrene Bergsteiger Walter Maffioletti. Er hat kürzlich als Rechtsberater der Notruf-Hotline des Schweizer Bergführerverbands einen Artikel dazu veröffentlicht: „Es ist ein Unterschied, ob es sich um einen professionellen Rahmen – zwischen Bergführer und Kunde – oder um einen privaten handelt. Im ersten Fall wird der geschulte Profi den Einsatz des Seils je nach Situation sorgfältig abwägen. Im privaten Rahmen dagegen kann der falsche Umgang mit dem Seil die ganze Gruppe tödlich gefährden.“ Er betont, dass manche Hobby-Alpinisten zu schnell auf den Einsatz des Seils verzichten – oft aus falschen Gründen, etwa weil sie einen Gipfel für leicht zugänglich halten. Stattdessen sollten sie sich ausbilden lassen oder sich einer Führung anvertrauen.
Häufiger bei Deutschen
Anjan Truffer, Rettungschef in Zermatt, sagte bereits Anfang August: „Wir wissen, dass einige deutsche Alpenvereine das Anseilen nicht empfehlen.“ Leider spiegelt sich dies in den diesjährigen Statistiken wider: Die Mehrheit der Opfer stammt aus Deutschland, Österreich oder Polen. In diesen Ländern geht man davon aus, dass falscher Seilgebrauch mehr Opfer fordert und es manchmal besser ist, darauf zu verzichten.
In der Schweiz hingegen ist die Technik des Gehen am kurzen Seil – bei der der Bergführer seinen Kunden auf geringer Distanz hält, vor allem bei Gratklettereien – seit Generationen fest verankert und wird gelehrt. Doch für Alain Melly steht die Nationalität nicht im Vordergrund: „Das eigentliche Problem ist, dass man die Berge konsumieren will, ohne sich die nötige Zeit zu nehmen. Nicht jeder kann sich einen Bergführer leisten, aber es gibt zahlreiche Ausbildungsmöglichkeiten. Doch die Zeit nimmt sich heute kaum noch jemand.“
Die Berge verändern sich zu schnell
Hinzu kommt eine weitere Realität: die extrem schnelle Veränderung der Berge durch den Klimawandel und starke Temperaturschwankungen. „In dieser Konsumhaltung holen sich die Leute Infos über die Bedingungen in den sozialen Medien. Aber was vor vier Tagen galt, ist heute auf manchen Gipfeln schon nicht mehr gültig“, erklärt Melly. „Vor zehn Tagen waren Gletscher noch von Schnee bedeckt, der Spalten verdeckte – heute sind es vereiste Hänge mit hohem Absturzrisiko. Langfristig ist es noch schlimmer: Ich war seit 2019 nicht mehr auf dem Gipfel, auf dem ich jetzt stehe. Ganz einfach: Ich habe nichts wiedererkannt.“
Klar gesagt: Fehlende Kompetenzen in Kombination mit einer sich rasant verändernden Umgebung ergeben einen explosiven Cocktail. Bereits 2022, nach einer ähnlichen Unglücksserie, rief die Walliser Kantonspolizei zu einem sachgerechten Einsatz des Seils beim Auf- wie beim Abstieg auf. Pascal Gaspoz, Leiter der Berggruppe der Kantonspolizei, bekräftigt diese Botschaft, auch wenn es schwierig sei, ausländische Besucher zu erreichen: „Wenn die Techniken nicht beherrscht werden, ist es dringend empfohlen, sich von einem Profi begleiten zu lassen oder zu verzichten.“
„Wenn die Techniken nicht beherrscht werden, ist es dringend empfohlen, sich von einem Profi begleiten zu lassen oder zu verzichten.“
PASCAL GASPOZ, LEITER DER BERGGRUPPE KANTONSPOLIZEI WALLIS
Auch wenn die Mahnung schwer zu vermitteln ist, ist sie notwendig. Denn es wäre moralisch und ethisch nicht vertretbar, einfach hinzunehmen, dass unerfahrene Alpinisten sich in Lebensgefahr bringen, indem sie aus Unkenntnis auf das Seil verzichten. Walter Maffioletti erinnert ausserdem daran, dass das Seil ein wesentliches Symbol für Verbindung und Teilen ist – der Kern des Alpinismus. Der französische Bergsteiger René Desmaison beschrieb es als „Lebensfaden, gespannt zwischen Angst und Vertrauen“ – das Herz des Geistes der Seilschaft.