04/06/2026
Als ich vor Kurzem wieder auf diesem Schulhof stand, musste ich an sie denken.
An das Mädchen, mit dem ich früher durch die Pausen spaziert bin. An einem dieser Tage wurde ich von einem Hund in die Wade gebissen.
Meine Großeltern versorgten die Wunde mit Hausmitteln. Heute würde man vermutlich sofort ins Krankenhaus fahren, an Infektionen oder Tollwut denken.
Die Wunde ist längst verheilt.
Doch die Erinnerung ist geblieben.
Damals lebte ich bei meinen Großeltern in der Türkei. Meine Eltern waren nicht bei mir.
Als Kind versteht man vieles nicht.
Man lernt, sich anzupassen. Man macht weiter. Man vermisst und funktioniert gleichzeitig.
Und vielleicht erinnere ich mich deshalb noch so gut an sie. Sie wusste wahrscheinlich nicht, welche Bedeutung sie für mich hatte.
Für sie waren es vielleicht einfach Spaziergänge über den Schulhof.
Für mich waren es Momente von Nähe, Freundschaft und Normalität in einer Zeit, die alles andere als normal war.
Heute lebt sie nicht mehr.
Und während ich dort stand, wurde mir bewusst, wie viele Menschen unsere Geschichte mitprägen, ohne es jemals zu erfahren.
Manche bleiben nur für einen Abschnitt unseres Lebens. Doch sie hinterlassen etwas in uns.
Nicht durch große Gesten. Sondern einfach dadurch, dass sie da waren.
Und manchmal genügt genau das, damit sich ein Kind für einen Moment weniger allein fühlt.