09/06/2017
Bist Du eine Eule, eine Nachtigall, eine Amsel oder ein Spatz?
Viertel nach zehn Uhr morgens, und ich beginne meinen Office-Tag, am liebsten zuerst mit einer Tasse heissen Kaffee und den News aus aller Welt. Was, so spät?, mag vielleicht der eine oder die andere hier denken. Nun, „spät“ ist relativ, also abhängig von der persönlichen Sicht auf und Wertung des Geschehens. Ich mag mich noch an meine ersten Schritte in der Geschäftswelt Mitte der 80er-Jahre erinnern, als flexible Arbeitszeiten in den meisten Betrieben ein Fremdwort war, ausser z.B. in der Industrie, wo die gleitende Arbeitszeit aufgrund der Produktivitätszeiten ein must war. Später in den 90-er Jahren war der Arbeitsbeginn um 08.30 Uhr das Höchste der Zeitgefühle. Wo ich als Jungspunn spätestens um 8 Uhr noch auf der Matte stand, starteten ab anfangs 20 meine Arbeitstage immer wie später, und endeten auch umso später. Damit wurde ich auch kritisch von Kollegen beäugt, denn damals galt noch die Einstellung: „Wer erst spät (nicht zu spät!) ins Büro kommt, ist faul.“ Ich bezeichnete mich stets von Haus aus als Nachtvogel. Und mit heutigen Erkenntnissen habe ich sogar eine konkrete Bezeichnung meiner Vogelart erhalten: ich bin definitiv eine Eule, mit der angeborenen Schlafpräferenz, nämlich spät ins Bett und spät wieder aus selbigem aufzustehen. Habe ich mal gehäuft ein paar Termine frühmorgens, fühle ich mich mit der Zeit gerädert, vergleichbar mit dem Gefühl eines Jetlags, der lange nachwirkt.
Das Wort „innere Uhr“ ist uns seit langem ein Begriff, nur will diese Uhr partout nicht immer mit den Zeitgewohnheiten unseres Arbeitsplatzes übereinstimmen. Ist z.B. für den Telefonsupport ein Dienst von 7.30 – 16.30 Uhr gefragt, und bin ich idealerweise eine Frühaufsteherin, passt das wunderbar zusammen. Ich bin in meinem Zeitelement und happy, zumindest was den zeitlichen Rahmen meiner Arbeit anbelangt. In diesem Fall bin ich eine Amsel, die kurz vor Sonnenaufgang mit ihrem allmorgendlichen Gesang beginnt und Frühaufsteher zum Tagewerk einlädt. Gutmütig und mit einer grossen Portion an Dienstbeflissenheit, ihr Ego kommt manchmal dabei etwas zu kurz.
Gleich einer Nachtigall, die 2 Stunden vor Sonnenaufang lostilliriert, erinnert dieser schöne Vogel nicht nur Liebende wie bei Romeo und Julia an den nahenden Morgen und damit die Wiederkehr der Realität ihres Lebens, sondern beispielsweise auch Schichtarbeitende, die mit der ersten Morgenschicht ihren Arbeitstag starten, an ihre Pflicht. Die Nachtigall ist etwas kapriziös und neigt zur Selbstüberschätzung; sie braucht nur den stimmigen Rahmen, um so richtig loszulegen. Ist der Applaus da, ist sie in ihrem Element und fährt zu Höchstleistungen auf.
Zwischen durch die regulären Arbeitszeiten mogeln sich die Spatzen, die auch sonst fast überall zu fast jeder Tageszeit anzutreffen sind und mit ihrem nahezu farblosen Gefieder die scheinbare Farblosigkeit ihres Profils unterstreichen. Was nicht heissen soll, dass die frechen kleinen Gesellen zu unterschätzen sind, ihre Persönlichkeit entspricht eher einem Hans-dampf-in-fast-allen Gassen; ein Spatz lässt sich nicht so leicht in die Karten schauen und legt sich nicht gerne fest.
Die Eule nimmt es relativ gelassen, sie weiss im Prinzip, wer sie ist und was sie kann, und allzu gerne drückt sie ein Auge zu. Ist ihr Jagdinstinkt geweckt, bewegt sie sich schneller, als man es von ihrem Aussehen her vermuten würde, und lässt nicht locker, bis sie hat, was sie will. Aber Vorsicht: ihre Energien reichen nicht ewig, und sie sollte lernen, sich ihre angeborene Gelassenheit sich selbst zugute kommen zu lassen und für sich selbst auch mal ein Auge zuzudrücken.
All diese Aufstehtypen vereint eines: das natürliche unterschiedlich gestaltete Bedürfnis nach dem eigenen Rhythmus. Ein solcher trägt zur Harmonie im Gesang bei, damit ein Einklang entsteht. Wo dieser fehlt, bilden sich immer mehr Misstöne, bis das Konzert abgebrochen werden muss. Übertragen auf unsere Arbeitswelt können dies Störungen im Gesundheitsbefinden sein, die Folgen reichen laut neueren Studien von Schlafstörungen und Abgespanntheit, Übergewicht bis hin zu Suchtverhalten und Depressionen. Unternehmen werden sich immer mehr bewusst über die Bedeutung der flexiblen Arbeitszeiten und regen ihre Mitarbeitenden dazu an, die Achtsamkeit für sich selbst und ihren natürlichen Arbeitsrhythmus zu fördern und werden darin unterstützt, für sich eine Balance von Leistung und Entspannung zu finden. Ein konkreter Rahmen dafür ist z.B. eine gute Mischung von Präsenz vor Ort und Home Office. In Berufen mit Kundenkontakt und konkreten Ansprechzeiten ist eine andere Arbeits- und Ansprechzeit gefordert als in einem Beruf, wo heutzutage bereits unabhängig von der Zeit oder Ort etwas geleistet wird (z.B. in der IT oder in graphischen oder künstlerischen Berufen).
Der Aufbruch und die Neubetrachtung von Rahmenbedingungen ist mit einer der grössten Vorteile der sich neu formenden Arbeitswelt, nicht zuletzt dank der Digitalisierung. Flexibel in Zeit und Ort zu sein, fördert einerseits die Unabhängigkeit von starren Arbeitszeiten, andererseits bilden sich im wahrsten Sinne des Wortes Arbeitsgruppen, die sich zu einem bestimmten Zweck, mit formulierten Zielen und abgegrenzten Timeslots treffen und zusammen arbeiten. Das Zusammengehörigkeitsgefühl kommt dabei nicht zu kurz, der Mensch ist nun mal ein soziales Wesen und braucht den Austausch, aber nicht jeden Tag von früh bis spät. Freiberufler und Selbständige besitzen bereits den Spielraum, ihren Neigungen entsprechend zu arbeiten, das konkrete Arbeiten richtet sich nach dem Kundenwunsch, resp. Auftragstermin.
Ob Nachtigall, Eule, Amsel oder Spatz, alle Typen sind wie in der Natur ab und zu gewissen Spannungen und damit einhergehend Stressmomenten ausgesetzt. Damit diese Momente gut aufgefangen werden können, helfen z.B. Rituale und Hinweise zur Entspannung. Allem voran ist jedoch die freie Wahl der eigenen Arbeitszeit für den stimmigen Rahmen des ausgeübten Berufs massgebend. Und hier wird ein gesellschaftliches Umdenken langsam spürbar. Nicht der frühe Vogel fängt den Wurm, sondern der, der sich optimal auf seinen Beruf vorbereitet und leistungsbereit ist. Also, lebt Euren Vogel und habt Mut, zu der Zeit zu zwitschern, wann es für Euch Zeit ist! Die Welt wird sich mit Euch und an Euch erfreuen. :-) :-)