10/08/2024
Etwas andere GeDANKENsplitter zu Olympia.
WARUM DIE SILBERMEDALLIE, GOLD WERT IST
WENN DER ZWEITE PLATZ DER ERSTE IST
In diesenTagen erreichen uns begeisternde Bilder von grossartigen Wettkämpfern, durchtrainierten Körpern, von Frauen und Männern, die keinen Aufwand scheuen, um die eine Goldmedalie zu gewinnen. Was für eine Genugtuung muss das sein, wenn es dann nach so viel Schweiss, jahrelanger Vorbereitung und unzähligen Entbehrungen klappt. Wenn alles aufgeht und man auf den Punkt genau eine Topleistung abrufen kann, dass es zur Goldmedaille reicht. Umso grösser die Enttäuschungen für die Zweitplatzierten. Für die, welche es nicht gereicht hat und das, obwohl viele von ihnen einen ähnlich grossen Aufwand für den Sieg und das glänzende Edelmetall unternommen haben. Ganz zu schweigen von den Viertplatzierten. Siegen ist sexy. Sieger sind begehrt. Siegen schützt vor Kritik. Sieger sind unangreifbar. Erfolg gibt recht. Sieger sind begehrt, kriegen Ruhm und Werbeverträge. Die schwedische Kultband ABBA singt in ihrem Welthit, der es 1980 nicht nur in Grossbritanien zum Nr. 1 Hit schaffte: „The winner takes it all, the loser's standing small“ Der Sieger kriegt alles, der Verlierer steht klein da. Abba kriegte „alles“. Ich liebe Sport und ich liebe es zu den Siegern zu gehören. Meine Kindheit habe ich schwerpunktmässig auf dem Bolzplatz verbracht, bei jedem Wetter zu jeder Jahreszeit. Unvergesslich der Duft nach frischem Gras und nasser Erde. Bis heute ist es ein Wohlgeruch in meiner Nase, der mich sofort in meine Kindheit entführt. Und ja, Sieger wurden als erste ins Team gewählt. Gestern lese ich jedoch einen Bibelvers, der mich ins Nachdenken bringt: „Begnügt euch mit dem zweiten Platz.“ (The Message, Übersetzung auf Deutsch aus Kolosser 3:12-14) Paulus fordert seine Leser heraus, eine Gegenkultur zu leben. Die Kolosser sollen sich mit der Sibermedallie begnügen und sich in Bescheidenheit üben. Ziemlich herausfordernd in einer Kultur, wo sich alles um die Sieger dreht und jeder der Beste und Klügste sein will. Damals wie heute. Der zweite Platz soll genügen. Hm, steile Anweisung. Was meint er damit? Er spricht nicht vom Sport und auch nicht von der Olympiade, das tut er an anderer Stelle, wo er seine Leser auffordert, den Lauf des Lebens so zu laufen, dass man am Schluss als Sieger einläuft. Wie man ankommt ist wichtiger, als wie man startet. Hier spricht er von einem „Lebenstil, der andere höherachtet als sich selbst“. Ein Leben zu leben, wo man nicht immer recht haben muss, wo andere Meinungen nicht weniger zählen als die eigene. Wo man anderen den Vorrang lässt und das nicht nur im Strassenverkehr. Und das nicht, weil man schwächer ist, sondern weil man das eigene Ego zügelt. Zugeben das ist nicht gerade Trend und auch nicht dem Ziel von olympischen Spielen. Es entspricht nicht dem, wie man allzuoft in der Wirtschaft, an vielen Arbeitsplätzen, im Strassenverkehr und in den Warteschlangen vor den Ladenkassen miteinander umgeht. Auch ist es nicht der gängige Umgangsstil in Facebook und anderen Diskusssionsforen. Diese Haltung entspringt nicht dem Geist der Zeit, viel eher dem Geist Gottes. Diese Aussage fordert mich bis in die kleinste Phase meines Körpers und meines Egos heraus. Hintenanstehen, anderen den Vortitt lassen. «Setz dich auf den letzten Platz, der ist immer frei,» las ich kürzlich einen gut gemeinten, weisen Rat eines bewährten Kirchelehrers. Nein, hier geht es nicht um Sport und Ehre, sondern um eine Art zu leben, die anderen Menschen achtet und ehrt. Wo Respekt vor der Sichtweise anderer grossgeschrieben wird. Einem Lebensstil, wo man sich selber und die eigene Wichtigkeit zurücknehmen kann und trotzdem glücklich ist. Oder vielleicht gerade deswegen? Wo Lebensqualität und Glück im Leben aufblitzt, weil man eine Gelassenheit entwickelt hat, die ihre Identität nicht daraus zieht, immer und überall der zu sein, der Recht haben muss. Soll ich also nicht mehr kämpfen um Siege, Recht und Vortritt? Um Meinungsführerschaft und Besserwissen? Um klügere Argumente, wo meine intellektuellen Fähigkeiten und Einsichten Rang und Namen kriegen? Wo kämen wir hin, wenn ich die Meinung der anderen höher achten würde? Wie würden sich unsere Teams und Arbeitsplätze, ja auch Kirchen verändern, wenn das gelebt würde? Was hätte diese Haltung in unseren Ehen, Partnerschaften und Familien für Auswirkungen? Machtgehabe und Machtkämpfe kämen zum Erliegen, Streiterreien und Gezanke würden weniger, Kriege erstickten im im Keim. Ehen würden dafür bekannt sein, dass man sich «höher achtet als sich selbst». Ja, ich bin ein Träumer und manchmal bin ich es gern. Nein, ich bin kein Gegner von guten Disputationen, ich mag es, wenn gute Argumente ausgetauscht werden, man Dinge abwägt, neue Erkenntnisse erwägt, sich einander zumutet und man durch fair geführte Auseinandersetzungen um Meinungen um Wege und Sichtweisen ringt. Ich höre gerne gute Argumente und lerne dadurch viel. Auseinanderseztung ist schliesslich auch eine Form der Begegnung. Ich mag neue Gedanken und gute Blogs. Aber ich wünschte mir manchmal schon ein wenig mehr Gelassenheit in allem Disputieren – auch auf Facebook & Co. Mehr Respekt voreinander und der Meinung eines anderen, der bekanntlich in anderen Schuhen steht als den meinen. Ich wünsche mir mehr Demut und das Bewusstsein, dass alles Wissen der Welt letztlich auch nur Stückwerk ist, auch meines. Es braucht nicht immer einen Sieger. Der zweite Platz reicht. Ich ahne, dass der Sportfan und Heisssporn Paulus diese Lektion im Laufe seines Lebens immer besser verstanden hat. Vielleicht hat es mit Altersmilde zu tun. Vielleicht aber hat er begriffen, dass man Schlachten verlieren darf und dabei den Krieg trotzdem gewinnt oder vielleicht gerade deswegen. Da die Art und Weise wie man lebt, oft mehr über einem aussagt, als die Sache und die noch so guten Argumente. „Was Peter über Paul sagt, sagt mehr aus über Peter als über Paul.“ Gut beobachtet von René Desartes. Ich ergänze, wie jemand etwas sagt und schreibt, zeigt viel über seine Herzenshaltung und seinen Respekt vor anderen Meinungen und Menschen. Und so möchte ich lernen, immer mal wieder bewusst mich mit dem zweiten Platz zu begnügen im Wissen, dass manchmal auch Reden Silber und Schweigen Gold sein kann. So und jetzt gehe ich Tennisspielen. Ich hoffe natürlich sehr, dass ich gewinne!