05/10/2025
„Ich fand sie zweimal mit geöffneten Pulsadern und stand zweimal verloren im Türeingang, als sie weggefahren wurde, nachdem ich zweimal den Notarzt gerufen hatte. Ich putzte zweimal das Bad, versuchte zweimal meinen Vater zu erreichen. Ich erinnere mich nicht, ob er beide Male kam. Ich wollte ja gar nicht, dass er kommt, dachte nur, dass es wichtig war, dass er vom Unglück wusste.“
Ich will unbedingt etwas zu diesem Buch von Nora Gomringer sagen – aber ich fürchte, dies hier wird keine in Ton und Thema einführende Buchvorstellung.
Betrachtet man das Er(Lebte), dann scheinen diese verhinderten Suizide der Mutter – dieses in den eigenen Körper sich einschreibende Ausbluten des Mutterkörpers – das finstere, alles verschlingende und zugleich alles offenbarende Zentrum zu sein, um das Gomringers autofiktionales Erzählen in ihrem „Nachrough“ mit dem genialen Titel “Am Meerschwein übt das Kind den Tod” kreist.
Ich muss an Gravitas denken – an jene Anziehungskraft der Sterne, eines der fundamentalen Prinzipien der Astrologie, für die sich Nortraut Gomringer, die Mutter, um die es hier in erster Linie geht, wohl zeitlebens begeisterte. Vielleicht trifft es mich als Leserin umso härter – fährt es einem in Mark und Bein – dass diese traumatischen Ereignisse fast beiläufig, in einem einzigen Absatz auf S.136, benannt werden.
Was sich über Jahre andeutete: das fatale Unglück der Mutter, die neben dem berühmten. überlebensgroßen, zugleich fernen, weil notorisch untreuen Vater Eugen Gomringer zu verblassen drohte – wie kann man als Tochter in dieser Familienkonstellation (über-)leben? Vielleicht, indem man selbst Künstlerin wird. Vielleicht, indem man dieses raffinierte/„roughinierte“, mitnichten durchweg düstere, sondern auch sehr witzige, lebenspralle und -weise Toten-Buch schreibt. Allerwärmste Lektüreempfehlung! 💜