02/07/2026
Der Alexanderplatz trägt wieder Couture
Es gibt Orte, die sich der Eleganz scheinbar verweigern. Der Alexanderplatz gehört zweifellos dazu. Er ist laut, widersprüchlich und selten gefällig. Zwischen Straßenbahn, Fast Food, Touristenströmen und der Rastlosigkeit einer Metropole scheint für Schönheit oft kein Platz zu sein.
Und gerade deshalb war dieser Nachmittag bemerkenswert.
Mitten auf einem der wohl profansten Plätze Berlins schritt Haute Couture über den Laufsteg.
Stoffe fingen das Licht ein, Silhouetten zeichneten sich gegen die nüchterne Architektur ab, während nur wenige Meter entfernt der Alltag unbeirrt weiterfloss. Kaum eine Kulisse hätte den Wert handwerklicher Perfektion eindrucksvoller sichtbar machen können als dieser Kontrast.
Das Fashion Open Air erinnert daran, dass Mode ihren Ursprung nicht hinter verschlossenen Türen hat. Sie war immer Ausdruck des öffentlichen Lebens – auf Boulevards, Plätzen und Straßen. Erst später zog sie sich in exklusive Salons, Messehallen und Einladungslisten zurück.
Vielleicht berührt mich diese Inszenierung deshalb so sehr. Sie weckt Erinnerungen an das Berlin vergangener Jahrzehnte. An das Große Q.
An die Coral Fashion Shows am Brandenburger Tor, bei der wir 259 Models vermittelt haben.
Veranstaltungen, bei denen Mode nicht allein einem Fachpublikum gehörte, sondern Teil des urbanen Lebens wurde.
Die Stadt war Bühne, nicht bloß Kulisse.
Heute scheint dieser Gedanke wieder auf.
Der Alexanderplatz wird häufig auf seine Widersprüche reduziert. Auf seine Hektik, seine Gebrauchsspuren, seine Unvollkommenheit. Doch gerade dort entfaltet Couture eine unerwartete Kraft. Schönheit entsteht nicht nur durch Perfektion. Sie entsteht oft erst im Dialog mit dem Unvollkommenen.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung dieses Ortes. Haute Couture wird hier nicht entzaubert – sie wird geerdet. Sie tritt in Beziehung zur Stadt und zu den Menschen, die ihr begegnen. Für einen kurzen Moment verschwinden die Grenzen zwischen Passanten und Publikum, zwischen Alltag und Inszenierung.
Mode verliert dadurch nichts von ihrer Exklusivität. Im Gegenteil. Sie gewinnt an Relevanz.
Denn was nützt die schönste Kollektion, wenn sie ausschließlich hinter verschlossenen Türen existiert?
Berlin war immer dann am überzeugendsten, wenn es Gegensätze nicht aufgelöst, sondern ausgehalten hat. Das Rohe neben dem Edlen. Das Improvisierte neben dem Perfekten. Der Alexanderplatz neben der Haute Couture.
Vielleicht ist genau diese Spannung der wahre Luxus unserer Zeit.