19/06/2022
***EDIT: weil ich die Statistik falsch gelesen hatte, musste der Beitrag stark überarbeitet werden. Ich bitte den Fehler zu entschuldigen.
Stimmt das: „Die Feminisierung der Tiermedizin ist eine Ursache dafür, dass Investoren leichtes Spiel haben und Tierkliniken aufkaufen können, denn sie finden keine Nachfolger, weil Frauen sich kaum selbstständig machen wollen.“?
Dass in den letzten Jahren viele Tierkliniken und Großpraxen von Investoren bzw. sogenannten Ketten aufgekauft wurden, ist vielen bekannt. Sowohl im Kleintier- als auch im Pferde- und Nutztierbereich haben sich Unternehmen gebildet, die sich auf die jeweilige Sparte spezialisiert haben und lukrative Objekte suchen, um den Inhaber:innen ein verlockendes Kaufangebot zu machen. Dabei liegen die angebotenen Kaufpreise in der Regel weit über dem, was eine an der Wertschöpfung beteiligte tierärztliche Nachfolge zu bieten bereit ist. Immerhin hat jeder Tierarzt und jede Tierärztin auch grundsätzlich die Möglichkeit eine Praxis neu zu gründen mit einem Bruchteil der Investition, insofern sind von diesen Käufer:innen nicht die gleichen Summen zu erzielen wie von Investoren, die lediglich ihr Geld gewinnbringend anlegen wollen, solange es keine Zinsen am Kapitalmarkt bringt.
Wenn man nach den Ursachen zu dem Trend forscht, stolpert man immer wieder über Aussagen von Funktionären der Tierärztekammern oder von Berufs- und Klinikverbänden, die die „zunehmende Feminisierung des Berufs“ als Ursache dafür anführen, dass Tierkliniken und Tierarztpraxen keine Nachfolge mehr finden und darum an Investoren verkauft werden (müssen). Das wird dann rhetorisch so dargestellt, also würde das im deutschsprachigen Raum relativ neue Phänomen der Investoren in der Tiermedizin auf ein gleichzeitig neu auftretendes Phänomen der Feminisierung treffen, gerade so als gäbe es da einen kausalen Zusammenhang. Aber vielleicht sind es nur zufällig gleichzeitig auftretende, jedoch eigentlich völlig unabhängige Vorgänge? Und noch besser: vielleicht nimmt die Feminisierung gar nicht zu, sondern ist schon seit über 30 Jahren auf gleichbleibendem Niveau? Zumindest waren bereits 1993 80% der 1.076 Studienanfänger:innen weiblich. 2003 waren 87% der 1.049 Studienanfänger:innen weiblich, 2013 86% von 1.070 und 2020 85% von 1.119. Das ist also kein zunehmendes Phänomen, dass mehr Frauen Tiermedizin studieren als Männer. Und es ist auch auffällig, dass die Studienplatz-Zahl kaum gestiegen ist in den letzten 30 Jahren. Aber jetzt plötzlich soll der Frauenanteil ursächlich sein für die Praxisverkäufe an Investoren? Ich bin da skeptisch...
Aber was sagen die Zahlen? Und wie läuft es in vergleichbaren Branchen?
In 2001 waren in D 10.387 männliche Tierärzte und 3.314 weibliche Tierärztinnen niedergelassen, also grob 3/4 männliche Praxisinhaber vs. 1/4 Praxisinhaberinnen. Im Jahr 2020 waren in D nur noch 5.486 männliche Tierärzte und 6.515 weibliche Tierärztinnen niedergelassen, also insgesamt 1.700 weniger Selbstständige mit neuer Geschlechterverteilung von 46:54. Die Zahl der selbständigen Frauen hat sich in diesen 19 Jahren absolut also fast verdoppelt, während die Männer sich fast halbiert haben. Das deutet eher eine zunehmende Lust der Frauen an der Selbstständigkeit an, was ermutigend ist, aber vermutlich würde es noch Jahre dauern, bis das gleiche Geschlechterverhältnis wie im Studium erreicht würde. Warum dieses Missverhältnis in der Vergangenheit überhaupt entstanden ist, darüber kann man philosophieren, aber den derzeitigen Tierärztinnen kann ich keine Verweigerung beim Thema Selbstständigkeit bescheinigen, denn ich sehe da eindeutig einen positiven Trend.
Wie sieht es bei den Angestellten in der Praxis aus? 2001 haben 3.615 männliche und 2.556 weibliche Tierärzt:innen als Praxisangestellte gearbeitet, also 58,6% Männer vs. 41,4% Frauen. In 2020 waren es nur noch 1.700 Männer, dafür dreimal so viele Frauen wie vorher (8.032). Die Geschlechterverteilung 17.5% zu 82.5% spiegelt also jetzt schon viel eher das Geschlechterverhältnis im Studium wider. Zwar hat sich die absolute Zahl der angestellt arbeitenden Tierärzt:innen in den 19 Jahren um 3.561 erhöht, beruhigend wirkt das aber nicht auf diejenigen, die davon ausgehen, dass Frauen „eh immer nur in Teilzeit arbeiten“. Dass das Quatsch ist, wissen wir, aber okay, mal angenommen das würde stimmen und die 5.476 hinzugewonnenen Frauen würden im Durchschnitt nur 20 Stunden pro Woche arbeiten, dann hätte sich die Arbeitskraft der Angestellten in der Praxis dennoch um 40% erhöht.
Wie sieht es bei den Zahnarztpraxen aus? Hier sind die Kassensitze ja seit 2007 kein Thema mehr, insofern sind sie gut vergleichbar mit der Niederlassungsfreiheit in der Tiermedizin. Und die Investoren kaufen hier ebenfalls ganz erfolgreich Praxen auf. Ist da auch die Feminisierung ein Thema?
Seit 2007 hat sich die Anzahl der männlichen Zahnmedizin-Studierenden in D kaum verändert, es waren in jedem Jahrgang bis einschließlich 2020 immer um die 5.400. Die weiblichen Studierenden haben zugenommen: von 8.096 in 2007 auf 10.229 in 2020. Also von 40/60 hat sich das Verhältnis verschoben auf 34/66, von einer „zunehmenden“ Feminisierung kann man also auch in der Zahnmedizin nicht sprechen, der leichte Frauenüberhang ist schon lange beobachtbar und hat sich kaum verstärkt.
Wie sieht es mit den Praxen in der Zahnmedizin aus? Im Jahr 2000 waren in D 22.928 männliche Zahnärzte und 18.567 weibliche Zahnärztinnen niedergelassen, also 55,3% vs. 44,7%. Im Jahr 2020 waren in D 29.248 männliche Zahnärzte und 18.449 weibliche Zahnärztinnen niedergelassen, also 61,3% vs. 38,7%. Während die absolute Zahl der männlichen Niedergelassenen um 6.320 zugelegt hat in diesen 20 Jahren, blieb die absolute Zahl der weiblichen Niedergelassenen unverändert. Und das, obwohl im gleichen Zeitraum mehr Frauen Zahnmedizin studiert hatten. Es scheint also zumindest so zu sein, dass Zahnärztinnen kein besonders großes Verlangen nach einer eigenen Praxis haben, während in der gleichen Zeit 3.201 Tierärztinnen eine eigene Praxis gegründet oder übernommen haben. Im Vergleich zu den Zahnärztinnen sind die Tierärztinnen also schon mal deutlich unternehmungslustiger, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass zehnmal mehr Frauen Zahnmedizin studieren als Tiermedizin.
Und bei den Angestellten? Als Angestellte in der Praxis arbeiteten 2020 in D 12.616 männliche und 24.262 weibliche Zahnärzt:innen, also 34,2% vs. 65,8% bzw. 1/3 vs. 2/3. In 2020 waren es nur noch 7.837 männliche und 13.834 weibliche Zahnärzt:innen. Das Verhältnis 1/3 vs. 2/3 blieb zwar unverändert, aber absolut waren es in 2020 unglaubliche 15.207 weniger angestellte Zahnärzt:innen als im Jahr 2000, ein Rückgang um 41%, der sich aus einem Rückgang um 38% bei den Männern und 43% bei den Frauen zusammensetzt.
Zusammengefasst: in der Zahnmedizin haben wir in den letzten 20 Jahren 6.202 selbstständige hinzugewonnen und 15.207 angestellte Zahnärzt:innen in der Praxis verloren (ges. -9.005), während in den letzten 14 Jahren allein ca. 203.875 Studierende das Zahnmedizin-Studium aufgenommen haben, ergo sind da sehr wenige in der Praxis gelandet. In der Tiermedizin haben wir in den letzten 19 Jahren 1.700 selbstständige Tierärzt:innen verloren und 3.561 angestellte Tierärzt:innen in der Praxis hinzugewonnen, während im gleichen Zeitraum 20.900 Studierende das Veterinärmedizin-Studium aufgenommen haben. Hier ist der „Schwund“ also ähnlich groß wie in der Zahnmedizin, sehr viele Tierärzt:innen entscheiden sich für Tätigkeiten außerhalb der Praxis, z. B. im Amt oder bei der Pharma-/Futtermittelindustrie. Auch wenn das von Veterinärmedizin-Studierenden selten so geplant ist, entscheiden sich manche aber irgendwann für diesen Karriereweg, denn die Jobs dort sind einfach oftmals besser planbar, mit Kinderbetreuung besser zu vereinbaren UND werden besser bezahlt. Der Verdienst in der Praxis als Angestellte/r war in den letzten Jahren tatsächlich so unterirdisch, dass sich viele Tierärzt:innen gemeinsam mit ihren Lebenspartner:innen überlegt haben: es macht keinen Sinn in der Praxis zu arbeiten, der erzielbare Beitrag zum Familieneinkommen ist einfach zu gering.
Wenn also jetzt überall Tierärzt:innen fehlen, bilden wir möglicherweise einfach nicht genug aus, um den gestiegenen Haustierzahlen und medizinischen Ansprüchen gerecht zu werden. Und wir tun uns schwer, die Generation der 60-Std-pro-Woche arbeitenden Niedergelassenen zu ersetzen, egal ob mit Männern oder mit Frauen, denn solche Arbeitszeiten wollen auch die Männer nicht mehr. Und dann sind Angestelltenverhältnisse in investorengeführten oder freien Großpraxen/Kliniken, die das Arbeitszeitgesetz einhalten müssen, einfach die bessere Option. Und vielleicht liegt da ja eine wesentliche Ursache des Mangels an Tierärzt:innen in der Praxis, egal ob übernehmerwillig oder lieber im Angestelltenverhältnis arbeitend? Oder der Verdienst ist einfach immer noch nicht attraktiv genug, um den Stress der praktischen Tätigkeit zu vergüten? Oder die Arbeitszeiten in der Praxis mit Nächten und Wochenenden sind einfach abstoßender als in der Industrie? Eine weitere Ursache könnte sein, dass in der Praxis ein immer höherer Administrations- und Dokumentationsaufwand hinzugekommen ist in den vergangenen Jahren, der das Leben als Praktiker:in nicht gerade leichter macht. Und der zunehmende Fachkräftemangel bzw. die Sorge, Personal zu finden für die eigene Praxis, wirkt auch nicht gerade einladend, um eine eigene Praxis anzustreben.
Aus diesen Zahlen, die demonstrieren, dass sich die Frauen als Praxisinhaberinnen verdoppelt haben, und unter Kenntnis der sonstigen Umstände den Schluss zu ziehen, dass die Feminisierung in der Tiermedizin Ursache für den Nachwuchsmangel bei den Selbstständigen sei und darum Investoren leichtes Spiel haben, halte ich für unzulässig.
Für mich sind allein diese Schlüsse zulässig: das Konzept war bisher nicht an die Bedürfnisse der Menschen in Bezug auf work-life-balance angepasst, die Investoren zahlen hohe Summen, die Frauen haben den entsprechenden Anteil an den Selbstständigen noch nicht aufgeholt, auch wenn sie auf einem guten Weg sind, wir bilden seit 30 Jahren ungefähr gleich viele Tierärzt:innen aus, obwohl der Bedarf und Arbeitsumfang gleichzeitig stark zugenommen hat (mehr Tiere, viel mehr Zeitaufwand für ausgefeilte Diagnostik, Administration und Dokumentation), die Selbstständigkeit hat insgesamt an Attraktivität verloren (auch in vergleichbaren Branchen) und die Praxistätigkeit ist nicht attraktiv genug für Eltern, sodass viele von ihnen nicht in der Praxis arbeiten wollen, wenngleich noch lange nicht so schlimm wie in der Zahnmedizin.
Und wir sollten uns überlegen, wie wir da eine Verbesserung herbeiführen können, statt die Ursache des Problems den Frauen in die Schuhe zu schieben.
Anlass zu diesem Text war übrigens meine letzte Äußerung im Podcast https://www.swr.de/~embed/swr2/leben-und-gesellschaft/grosskonzerne-in-der-tiermedizin-retter-oder-ausbeuter-100.html, das macht die Äußerung vielleicht verständlicher :-)
Quellen:
https://www.bzaek.de/ueber-uns/daten-und-zahlen/mitgliederstatistik/berufliche-stellung.html
https://www.bundestieraerztekammer.de/btk/statistik/
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/200762/umfrage/entwicklung-der-anzahl-der-zahnmedizinstudenten/