02/08/2018
An die ganzen Eltern die sich doch soooooo sicher sind, gestern erst wieder so Leute im Freibad gesehen, die sich NULL um ihr Kinder kümmern!
„Warum ist sie plötzlich so still im Wasser?“
Mama, Papa und ich waren schon einige Male im Urlaub. Es war immer toll. Aber jetzt bin ich schon ein großes Mädchen. Sieben Jahre alt und nach dem Urlaub komme ich in die zweite Klasse. Extra für den Urlaub habe ich lange Schwimmen geübt und sogar mein Seepferdchen bestanden. Mama und Papa waren so unendlich stolz. Ihr großes Mädchen kann richtig schwimmen. Wir genossen jeden Tag am Strand. Wir waren oft zusammen im Wasser, tollten herum, aber ich konnte einfach nicht genug vom Wasser bekommen. Mama und Papa brauchten zwischendurch einfach eine Pause. Sie gingen aus dem Wasser und schauten mir zu, während ich alle möglichen Kunststücke vollführte.
Ich setzte mich an den Strand und genoss, wie das Wasser meine Beine umspülte. Ich schaute nach hinten, fixierte meine Mutter und wir lächelten uns an. Sie legte sich zurück und genoss die Sonne. Papa las seine Zeitung. Mir war langweilig. Ich ging wieder ins Meer. Soweit wie ich laufen konnte. Dann schwamm ich in Richtung Strand und wieder zurück. Immer wieder. Plötzlich kam eine Welle, drückte mich unter die Wasseroberfläche und zog mich weiter hinaus. Sie war kalt. Meine Gliedmaßen verfielen in Starre. Ich versuchte, mich zu bewegen und meinen Kopf wieder über die Wasseroberfläche zu heben. Es ging einfach nicht, aber irgendwann hatte ich es geschafft. Mein Kopf war wieder über Wasser.
Jetzt würden sie mich sehen und mir helfen. Ich versuchte zu schreien, aber aus meinem Mund kam kein Ton. Mein Körper wollte nur atmen. Für Schreien hatte er ein keine Zeit. Nach Sekundenbruchteilen war mein Mund wieder unter Wasser. Mir war unendlich kalt und ich hatte Angst. Je mehr ich kämpfte, desto schwächer wurde ich. Ich wollte winken, aber meine Arme taten es nicht. Sie versuchten mich und meinen Kopf über Wasser zu halten. Ich sah Mama, wie sie in der Sonne lag, und Papa, wie er in seiner Zeitung blätterte. Mama blickte kurz auf und sah mich planschen. Sie machte sich keine Sorgen, weil ich eine gute Schwimmerin war. Kein Anzeichen deutete auf eine Gefahr hin. So ruhig wie ich im Meer schwamm. Sie schloss wieder die Augen. Danach wurde es still und dunkel.
Nach einer Minute schaute meine Mutter wieder auf und schmunzelte und dachte: „Sie spielt wieder toter Seemann." - ich trieb auf dem Meer - "So ein verrücktes Huhn. Aber ist das nicht schon ein wenig lange. Kann sie wirklich so lange die Luft anhalten.“ Meine Mutter rüttelte an Papa. Er sprang auf und rannte ins Meer. Er erreichte meinen treibenden Körper, dreht mich um und wollte mit mir schimpfen. Was ich nur immer für einen Unsinn mache. Er schaute mich an und blickte in meine offenen, aber leeren Augen. Ich bewegte mich nicht mehr, ich atmete nicht mehr….
In diesem Fall eine traurige Vorstellung, die zu oft traurige Realität wird. Realität wird, weil beim Thema Ertrinken Realität und Vorstellung eben soweit voneinander entfernt sind. Ertrinken geschieht nicht so, wie man es aus Filmen und Baywatch kennt. Fast niemand schreit laut um Hilfe und rudert wild mit den Armen, um auf seine Situation aufmerksam zu machen. Das Gegenteil ist der Fall. Die meisten Menschen und vor allem Kinder ertrinken „ruhig“, lautlos und unbemerkt. Niemand, selbst in unmittelbarer Nähe nimmt den Todeskampf wahr oder kann die Anzeichen überhaupt deuten.
Es hat mit unserem Lebenserhaltungstrieb und unseren Reflexen und deren Priorisierung zu tun. Ertrinkende schreien nicht, sie versuchen Luft zu bekommen. Ertrinkende winken nicht, sie versuchen über Wasser zu bleiben. Ertrinkende haben verdammt wenig Zeit. Das Unterbewusstsein übernimmt. Der Körper spielt sein Lebenserhaltungsprogramm ab. Wehren kann man sich nicht.
Das verhindert unser Körper. Der Körper wird die Sekundenbruchteile, die der Mund über der Wasseroberfläche ist, dazu nutzen zu atmen. Atmen hat immer Priorität. Genauso wie die Arme ihren Dienst verweigern, da sie damit beschäftigt sind, den Köper über Wasser zu halten. Kein Winken. Ertrinken sieht nicht wie Ertrinken aus und hört sich auch nicht so an.
Und Ertrinken geht verdammt schnell.
Ertrinken ist übrigens nach Verkehrsunfällen der zweithäufigste Unfalltod bei Kindern. Sie ertrinken zuweilen, während jemand zusieht und nicht erkennt, was gerade geschieht. Vielleicht sogar Mama oder Papa.
Ich schreibe den Text, weil ich das bisher für mich gar nicht so wahrgenommen habe, aber letztens einen Artikel dazu las, der mich aufrüttelte.
Wie oft lese ich bei hohen Temperaturen, dass man Kinder und Tiere nicht im Auto lassen soll, weil sie dehydrieren und im schlimmsten Fall sterben könnten.
Über das o.g. las ich bisher keinen Beitrag auf Facebook. Niemand hat ein schickes Bild geteilt und immer wieder auf die Gefahr aufmerksam gemacht.
Ertrinken geschieht halt auch in der Öffentlichkeit oder bei Facebook still. Keine Warnung. Kein Bild. Ertrinken ist halt weiter weg als das eigenen Auto.
Vielleicht können wir das gemeinsam ändern, in dem ihr diesen Beitrag teilt. Die wenigsten Menschen machen sich nämlich Gedanken über den Strandurlaub, den kurzen Ausflug an den See oder Fluss oder sogar das Schwimmbecken im Garten.
2017 sind übrigens - nur in Deutschland - 46 Kinder ertrunken. Von einem Hitzetod im Auto habe ich bislang die letzten Jahre nichts gelesen.
Im Schnitt hat ein Ertrinkender übrigens 20-60 Sekunden.
Vielleicht sollte man die Zeitung oder das Sonnenbad doch gemeinsam genießen...
Nachdenklich...
Euch allen trotzdem einen schönen Abend.
P.S. Ein kurzer Nachtrag von Vanessa:
„Sekundäres Ertrinken“ (Lungenödem): Ein Kind muss nicht direkt nach dem Unglück im Wasser ertrinken. Es kann in seltenen Einzelfällen schon reichen Wasser eingeatmet zu haben, um noch Tage später daran zu sterben. Anzeichen sind Müdigkeit, Vergesslichkeit, Übelkeit, Atemnot und Erbrechen.
P.S. Noch ein kurzer Nachtrag: Das Seepferdchen im Text taucht extra auf. Nicht, weil ich der Meinung bin, dass Kinder dann wirklich schwimmen können, sondern viele Eltern dieser Illusion erliegen.
Daher hier als Ergänzung ein Auszug aus einer PN eines Schwimmtrainers, die ich erhielt:
"Unser Kind hat schon Seepferdchen, er/sie kann schwimmen." Die Eltern sind davon überzeugt, eine definitiv FALSCHE ÜBERZEUGUNG! Seepferdchen bedeutet, dass ein Kind sich etwas über Wasser halten kann, nicht viel mehr. Es ist ein Anreiz für Kinder weiterzumachen, mehr nicht. Seepferdchen gibt den Eltern falsche Sicherheit, darauf sollte man auch mal hinweisen. Ich finde das wichtig, ich bzw. wir erklären das den Eltern immer wieder, wenn sie sagen mein Kind hat schon Seepferdchen/Trixi oder was es da noch alles gibt. Ich finde auch diese Aufklärung sehr wichtig und würde mich freuen, wenn das vielleicht mal mit eingearbeitet würde. Ich sage immer: falsche Sicherheit ist die gefährlichste Sicherheit, die es gibt."