04/06/2026
Ist das Politik oder kann das weg?
Wenn mich heute jemand fragen würde, worauf ich angesichts von Inflation, wirtschaftlicher Unsicherheit, politischer Orientierungslosigkeit und einer immer tiefer werdenden gesellschaftlichen Spaltung am ehesten verzichten könnte, wäre meine Antwort überraschend einfach: Friedrich Merz.
Ein Mann, der den Charme eines Sauerländer Holzscheits mit der Bescheidenheit eines Alleinunterhalters auf einer Betriebsfeier verbindet. Bereits in früheren politischen Zeiten galt er nicht unbedingt als die erste Adresse für visionäre Staatskunst. Seine spätere Tätigkeit bei BlackRock ließ zudem vermuten, dass soziale Gerechtigkeit für ihn ungefähr denselben Stellenwert besitzt wie Tempolimits auf der Autobahn, man hat davon gehört, hält es aber eher für eine theoretische Idee.
Dass er heute dort sitzt, wo er sitzt, verdankt sich weniger einer Welle grenzenloser Begeisterung als vielmehr der Tatsache, dass viele Wähler unbedingt verhindern wollten, dass die AfD Regierungsverantwortung übernimmt. Der politische Notarzt wurde gerufen, und erschienen ist der Notkanzler.
Doch mittlerweile stellen einige Bürger fest, dass manche Aussagen und Entscheidungen genau jener Partei Auftrieb geben, die man eigentlich kleinhalten wollte.
Auch die vergangene Legislaturperiode hat gezeigt, dass ideologische Überzeugungen politische Probleme nicht automatisch lösen. Viele Bürger hatten den Eindruck, dass politische Ziele häufiger verordnet als überzeugend vermittelt wurden.
Im Grundgesetz steht bekanntlich, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Gleichzeitig entsteht bei nicht wenigen Bürgern der Eindruck, dass ihr Alltag zunehmend aus Verboten, Vorschriften, Formularen und moralischen Belehrungen besteht. Man fühlt sich frei, solange man das Richtige denkt, das Richtige sagt und das Richtige beantragt.
Währenddessen zeigen die Innenstädte ein interessantes Bild: Demonstrationen für Missstände in aller Welt sind allgegenwärtig. Die eigene Bevölkerung hingegen wirkt oft erstaunlich zurückhaltend. Wo früher lautstark protestiert wurde, wird politische Unzufriedenheit heute häufig eher beobachtet als aktiv artikuliert.
Der große gesellschaftliche Aufstand findet inzwischen hauptsächlich in den sozialen Medien statt. Dort wird mit empörten Kommentaren und digitalen Debatten Frust abgeladen. Politische Konsequenzen bleiben jedoch oft aus.
Und genau darin liegt vielleicht die eigentliche Tragikomödie unserer Zeit: Viele Menschen sind unzufrieden, aber nur wenige bereit, ihren Unmut außerhalb der Kommentarspalten sichtbar werden zu lassen. Die politische Klasse kann sich daher oft darauf verlassen, dass die nächste Empörung die vorherige verdrängt.
Sollte sich daran nichts ändern, braucht sich niemand zu wundern, wenn Parteien profitieren, die sich als radikale Alternative zum bestehenden System präsentieren. Denn politische Vakuums bleiben selten lange leer. Irgendjemand füllt sie immer.
Die eigentliche Frage lautet also nicht: Ist das Politik oder kann das weg?
Sondern: Wann haben die Bürger aufgehört, Politik als ihre eigene Angelegenheit zu betrachten und angefangen, sie wie eine schlecht laufende Fernsehserie zu konsumieren?
©️26|f.hodžić-collins