10/04/2026
Ich möchte Euch eine Geschichte erzählen. Die Geschichte eines Mädchens mit einer weissen Socke.
Es war einmal vor vielen Jahren, da kam ein kleines Mädchen zur Welt. Sie hatte viele Geschwister, aber sie war besonders, weil sie von Anfang an nur eine weisse Socke trug. Wo die Zweite ist und warum sie nur mit der Einen lief ist für die Geschichte unerheblich, aber es war nun einmal ihr Merkmal.
Sie spielte mit ihren Geschwistern und Eltern, sie war sehr glücklich. Die Zweibeiner kümmerten sich liebevoll.
Gleichzeitig kam sehr schnell der Wunsch raus in die Welt zu gehen.
Im fernen Schleswig Holstein sah eine Familie das Bild der Kleinen mit der weissen Socke.
Die Frau des Hauses war auf dem ersten Blick verliebt. Der Mann war skeptisch, er suchte nach Perfektionismus und ein Mädchen mit einer weissen Socke …….
Die Frau nahm Kontakt auf, sie war der Kleinen längst verfallen. So dauerte es dann auch nicht lange und das kleine Mädchen wartete mit ihrem gepackten Köfferchen. Sie war neugierig und aufgeregt, wie wohl ihr neues Zuhause sein würde. Und ob die Zweibeiner wohl gute Leute sind, die ihr die Welt zeigen würden.
Es wurde ein schöner Tag, die Zweibeiner waren toll, besonders die Frau und das kleine Mädchen spürte sofort, dass diese Frau ihre Welt sein würde, die sie sehen wollte. Diese Frau würde die Welt für sie sein, und die Sonne und die Sterne …
Der Mann war übrigens auch ok.
Die Zweibeiner verstanden sich gut. Die bisherige Familie war traurig als die Kleine ging, aber sie freuten sich auch.
Nun sollte Sie auch endlich Ihren Namen bekommen und sie war schon so gespannt wie sie sich zukünftig nennen würde: Neela Shirin!
Wow, das klingt toll, dachte sie. Neela bedeutet kleines blaues Fünkchen, auf jeden Fall hatte der Name eine spirituelle Bedeutung für die blaue Farbe.
In Ihrem neuen Zuhause war noch jemand wie sie, aber schon so erwachsen. Ihr Name war Shaya. Es war so schön und diese Shaya wurde nach anfänglich Skepsis einfach um die kleine Kralle gewickelt.
Nach kurzer Zeit bekam sie noch eine Art Schwester dazu und mit der konnte man auch toll spielen und Unfug machen.
Alle Drei kuschelten zusammen und auch die Zweibeiner kamen oft dazu. Was für eine perfekte Welt, dachte die kleine Neela. Sie beschloss klein und niedlich zu bleiben, damit sie viel gekuschelt wird. Sie wollte auch nicht das pieksige Erwachsenenfell von Shaya und beschloss ihren Welpenmantel zu behalten.
So verging eine Zeit des Glücks, bis Shaya krank wurde. Es ging recht schnell und alle waren sehr traurig. Als sie tot war ging Neela vorsichtig hin und lernte was es bedeutet tot zu sein. Shaya war da und weg. Beides gleichzeitig. Wie konnte das sein.
Nun waren sie zu zweit, Neela mit Sharin und den Zweibeinern. Obwohl es nun anders war, war es trotzdem schön und sie liebte es. Mit anderen Vierbeinern konnte sie nach und nach weniger anfangen, sie blieb lieber in ihrer Familie aber auch andere Zweibeiner waren toll, besonders die die Süssigkeiten mitbrachten.
Sie stellte irgendwann fest, dass Sharin sich veränderte. Ihr liebevolles und freundschaftliches Verhältnis wurde angespannt.
Dann bekam Sharin Babies und eine Tochter blieb bei uns. Shoona.
Sharin und Shoona waren nun das besondere Team und zwischen Sharin und Neela wurde es immer schwieriger.
Aus verbalen Attacken wurden Prügeleien und irgendwann entschieden die Zweibeiner, dass es so nicht weiter geht. Keiner sollte das Haus verlassen müssen, aber die beiden Damen sollten nicht mehr zusammen spielen. So wurden sie dauerhaft getrennt, nachdem sie sich ernsthaft verletzten.
Auch diese Umgewöhnung bekam Neela gut hin. Mit Shoona verstand sie sich gut und fand in ihr die neue Freundin, auch wenn die Beziehung von Shoona und Sharin natürlich tiefer war.
Aber solange die Frau an Neelas Seite war, konnte es nur das beste aller Leben sein. Nichts konnte ihr Glück trüben, sie war einfach eine Frohnatur.
Gegenüber anderen Typen ihrer Art entwickelte sie eine Fräulein Rottenmeier Manier.
Sie nörgelte an anderen herum, kritisierte und schimpfte. Was Sharin gar nicht leiden konnte, nahm Shoona mit einem Schulterzucken hin.
Irgendwann war es dann auch soweit und Neela sollte Babies haben. Was für eine Freude dachte sie. Irgend etwas lief aber nicht richtig und es war anders als damals bei Sharin. man hatte ihr den Bauch aufgeschnitten und statt Babies war da nur Baby. Eine kleine Tochter, aber dann konzentrierte sie sich auf den Zwerg. Nia, die Tochter war über Wochen durchgehend nass, weil Neela sie von morgens bis abends säuberte.
Nia fand irgendwann ihre eigene tolle Familie und Neela liess sie in Liebe ziehen, in dem Wissen, dass auch sie ein so tolles Heim finden wird wie sie selber.
Weitere Jahre vergingen und irgendwann bekam auch Shoona Babies. Neela freute sich, gleichzeitig musste Fräulein Rottenmeier auch nörgeln. Sie half Shoona bei der ersten Erziehung und spielte auch mit den Zwergen.
Ein kleines Mädchen durfte irgendwann bleiben. Ihre Name war Shinou.
Neela war in der Zwischenzeit eine ältere Dame, aber sie verbrachte viel Zeit mit Shinou, die sie auch jung hielt.
Irgendwann bekam Neela Probleme und sie musste zum Arzt. Neelas Zweibeinerin war sehr traurig und ernst. Neela müsste operiert werden. Es sei Krebs.
Glücklicherweise verlief alles gut, auch wenn es ein schwieriger Eingriff war. Danach wurde Neela zusehends ruhiger und älter. Die grauen Haare liessen sich nicht mehr verstecken. Neela war trotzdem so glücklich wie am ersten Tag und genoss einfach Ihr Rentnerdasein.
Sie lief immer noch mal mit Shoona und Shinou. Es fiel ihr aber immer schwerer, die Kraft war einfach weg.
Sie bemerkte auch, dass irgend etwas nicht stimmt und auch ihre Zweibeinerin schaute wieder ernst.
So musste sie wieder zum Arzt und dieses Mal war es anders. Die Frau war so traurig, wie Neela es nicht kannte. Neela fühlte sich schlapp und müde.
„Lass uns eine Reise machen“, sagten die Zweibeiner und Neela strahlte.
„Mit der Bahn“?
„Ja, mit der Bahn“.
Neela machte sich daran ihr Köfferchen zu packen, doch sie bemerkte auch die anhaltende Traurigkeit ihrer Zweibeiner. Das machte sie etwas unsicher und als der Abreisetag kam, mochte Sie sich von Ihrem Zuhause kaum trennen. Sie zitterte etwas vor Aufregung als sie am Bahnhof waren. Als sie die Fahrt bezahlten, sah sie, dass es nur ein Ticket war. Einfache Fahrt oder Rückfahrt. Neela schaute ihre Menschen fragend an.
Sie erklärten ihr ruhig, dass sie diese wichtige reise nur alleine machen könnte. Sie brauche keine Angst haben, es würde alles gut werden und sie würde nie alleine gehen. Sie wären immer bei ihr.
Mit zittrigen Beinen stieg sie in den Zug und setzte sich. Ihre Menschen waren an ihrem offenen Fenster und sie hielten sich fest.
Als der Zug mit einem Ruck anfuhr spürte Neela einen kleinen Stich in ihrem Arm. Sie wurde schnell unglaublich müde und murmelte noch:
„Du wirst nie alleine sein. Ihr seid immer bei mir“.
Sobald sie eingeschlafen war, schreckte sie wieder hoch. Der Zug war ein paar Meter gefahren und noch nicht ganz aus dem Bahnhof raus. Sie blickte zurück und sah wie ihre Menschen etwas im Arm hielten. Es hatte eine weisse Socke. Wie war das möglich. Konnte sie wegfahren und gleichzeitig dableiben.
„Ihr werdet niemals alleine sein. Ich bin immer auch bei Euch“.
Sie begriff, lehnte sich zurück und sah im Fenster ihr Spiegelbild. Viel jünger und die Schmerzen waren auch weg. Sie lächelte, schaute auf ihre weisse Socke und freute sich auf die Abenteuer die nun auf sie warten würden. Regenbogenland klang auf jeden Fall nach Spass und Freude.
Gute Reise, liebe Neela, you never walk alone!
Neela Shirin 28.06.2014 -10.04.2026
Da ich mit Worten kaum ausdrücken kann wie es uns gerade geht, habe ich Euch statt dessen an Neelas Geschichte teilhaben lassen.
Die Entscheidung sie heute gehen zu lassen, dieser unfassbare Verlust an Leben, Freundschaft und Miteinander, das Alles hat eine grosse Wunde aufgerissen.
Wir sitzen jetzt vor dem Krematorium und warten darauf unsere kleine Püppi wieder mit nach Hause nehmen zu dürfen.
Neela, Du warst eine grossartige Freundin, die beste Zuhörerin und Deine Augen sagten immer alles, was Du nicht sagen konntest.
Auch bei unserer Neela freuen wir uns, wenn Ihr heute Abend eine Kerze für sie entzündet und sie über den Rand der Wolken die Lichter der Menschen sieht, die gerade an sie denken. Das würde ihr sehr gefallen. Dem Mädchen mit der weissen Socke.