28/07/2026
30 Jahre Pflegeversicherung | damals | heute | in Zahlen
73,8 MILLIARDEN EURO AUSGABEN | MEHR ALS 6 MILLIONEN LEISTUNGSEMPFÄNGER
DAS SYSTEM WÄCHST SCHNELLER ALS SEINE FINANZIERUNG
WAS GEHT AB?
» Die Einnahmen stiegen von 8,4 Milliarden Euro im Einführungsjahr 1995 auf 73,33 Milliarden Euro im Jahr 2025.
» Die Ausgaben erhöhten sich im gleichen Zeitraum von 4,97 auf 73,82 Milliarden Euro.
» Die Zahl der Leistungsempfänger der Sozialen Pflegeversicherung wuchs von 1,55 Millionen im ersten vollständiger vergleichbaren Jahr 1996 auf mehr als 6 Millionen im Jahr 2025.
» Die Pflegesachleistungen wurden über lange Zeiträume überhaupt nicht angepasst.
» Seit Einführung der Pflegegrade im Jahr 2017 findet das Wachstum vor allem in den Pflegegraden 1 bis 3 statt.
» Beitragserhöhungen verschaffen der Pflegeversicherung immer wieder kurzfristig Luft – lösen das strukturelle Problem aber nicht.
1 | EINNAHMEN DER PFLEGEVERSICHERUNG
Die Einnahmen der SPV stiegen von 8,4 Milliarden Euro im Einführungsjahr 1995 auf 73,33 Milliarden Euro im Jahr 2025. Das entspricht nominal fast einer Verneunfachung; allerdings ist 1995 als Einführungs- und Rumpfjahr nur eingeschränkt mit späteren Jahren vergleichbar.
Die großen Einnahmesprünge entstanden nicht allein durch höhere Löhne und mehr Beschäftigung, sondern vor allem durch wiederholte Erhöhungen des Beitragssatzes. Die zusätzlichen Einnahmen waren regelmäßig notwendig, um bereits entstandene oder unmittelbar bevorstehende Finanzierungslücken zu schließen – eine dauerhafte Stabilisierung gelang dadurch nicht.
2 | AUSGABEN DER PFLEGEVERSICHERUNG
Die Ausgaben erhöhten sich von 4,97 Milliarden Euro im Jahr 1995 auf 73,82 Milliarden Euro im Jahr 2025. Sie sind damit deutlich stärker gewachsen als die Einnahmen; auch hier ist zu beachten, dass 1995 erst ambulante Leistungen und 1996 zusätzlich stationäre Leistungen schrittweise einsetzten.
Besonders sichtbar wird die Beschleunigung ab 2017: Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff, die fünf Pflegegrade und die erweiterten Leistungsansprüche führten zu einem deutlichen Ausgabensprung. Hinzu kamen zuletzt steigende Leistungsausgaben, höhere Zuschläge, die soziale Sicherung pflegender Angehöriger und stark wachsende Aufwendungen für zusätzliche ambulante Betreuungs- und Entlastungsleistungen.
3 | JÄHRLICHES ERGEBNIS
Die Pflegeversicherung war keineswegs in jedem Jahr defizitär: Von 1995 bis 2025 gab es 17 Jahre mit Überschüssen und 14 Jahre mit Fehlbeträgen. Der größte reguläre Fehlbetrag entstand 2018 mit minus 3,55 Milliarden Euro; zuletzt folgten auf den Überschuss 2023 erneut Defizite von 1,54 Milliarden Euro im Jahr 2024 und rund 490 Millionen Euro im Jahr 2025.
Auffällig ist das wiederkehrende Muster: Nach Beitragserhöhungen entstehen zunächst Überschüsse, die nach wenigen Jahren durch die Ausgabendynamik wieder aufgezehrt werden. Bundesdarlehen stabilisieren zwar kurzfristig die Liquidität, verändern aber nicht die strukturelle Differenz zwischen Einnahmen- und Ausgabenentwicklung.
4 | HÖHE DER PFLEGESACHLEISTUNGEN
Die monatlichen Pflegesachleistungen blieben von 1995 bis Mitte 2008 nominal unverändert: 750 DM in Pflegestufe I, 1.800 DM in Pflegestufe II und 2.800 DM in Pflegestufe III. Bis 2016 waren daraus lediglich 468 Euro, 1.144 Euro und 1.612 Euro geworden – bei Pflegestufe III entsprach dies gegenüber dem umgerechneten Ausgangswert nur einem nominalen Plus von rund 13 Prozent innerhalb von mehr als 20 Jahren.
Auch nach Einführung der Pflegegrade folgten lange Stillstandsphasen: Von 2017 bis 2021 lagen die Beträge bei 689, 1.298, 1.612 und 1.995 Euro. Erst 2022, 2024 und 2025 gab es weitere Erhöhungen; aktuell stehen in den Pflegegraden 2 bis 5 monatlich 796, 1.497, 1.859 und 2.299 Euro zur Verfügung. Pflegegrad 1 besitzt keinen regulären Anspruch auf Pflegesachleistungen nach § 36 SGB XI.
Interessant: Die größten Steigerungen von 1995 bis 2025 gab es in Pflegestufe I bzw. Pflegegrad 2, nämlich über 100%.
Die Beträge sind nominal gestiegen, ihre tatsächliche Reichweite aber deutlich weniger. Gerade bei tarifbedingt steigenden Personalkosten bedeutet dies: Für denselben Leistungsbetrag können Pflegedienste immer weniger Zeit und Leistung anbieten.
5 | ZAHL DER PFLEGEBEDÜRFTIGEN
Im ersten vollständig vergleichbaren Jahr 1996 verzeichnete die SPV 1.546.746 Leistungsempfänger. Bis Ende 2025 stieg ihre Zahl auf 6.011.267 – ein Plus von rund 289 Prozent.
Allein mit der Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade erhöhte sich die Zahl von 2,75 Millionen im Jahr 2016 auf 3,34 Millionen im Jahr 2017. Dieser Sprung ist nicht nur demografisch zu erklären, sondern wesentlich Folge des erweiterten Pflegebedürftigkeitsbegriffs und des leichteren Zugangs für Menschen mit kognitiven und psychischen Einschränkungen.
Seit 2017 stieg Pflegegrad 1 von rund 194.000 auf 952.000 Personen, Pflegegrad 2 von 1,46 auf 2,41 Millionen und Pflegegrad 3 von 940.000 auf 1,76 Millionen. Pflegegrad 5 blieb dagegen mit rund 232.000 Personen nahezu unverändert. Das Wachstum findet somit vor allem in den niedrigen und mittleren Pflegegraden und überwiegend in der häuslichen Versorgung statt.