02/07/2012
Unser Beitrag für Matthias Herzog zur EM:
Sauber gegen Männer
Wer hat dem deutschen Fußball das Testosteron genommen?
Der Deutsche Fußball ist sauber! Der deutsche Fußballer ist sauber! Das Trainerteam macht einen sauberen Job und den Spielern werden in der Vorbereitung alle Ecken und Kanten ganz sauber abgeschliffen. Alle sind dabei ganz sauber gekleidet. Saubere Arbeit. Dann fliegen die deutschen Fußballer ganz sauber zur EM und treffen dort auf Männer. Männer mit extremen Eigenschaften und Eigenarten, Männer, die diese Besonderheiten sogar leben und darüber reden dürfen. Männer, die ihr Testosteron literweise bei sich führen – dürfen. Deutscher Lahm-Fußball trifft auf italienischen Balotelli- oder spanischen Iniesta-Fußball. Zwei Welten treffen aufeinander.
Wenn sich jeder Fußballer ganz sauber ausschließlich in den Dienst der Mannschaft stellt und sich sauber in seine psychologische und sportliche Selbstaufgabe fügt, wie soll dieser Fußballer in wichtigen Momenten ganz alleine und mit der höchstmöglichen Intensität, Individualität und notwendigen Aggression spielbestimmend, faszinierend und charismatisch eigene Entscheidungen fällen und diese gegen alle Lehrmeinungen einfach mal umsetzen? Wenn ein Deutscher Fußballer mal etwas wagt, gilt der erste Blick nicht dem Ergebnis seiner Tat, sondern der sauberen Bank, auf der sein Testosteron, sein Wille und seine Psychologie in Person des Nationaltrainers Jogi Löw sitzt. Herr Podolski, Herr Schweinsteiger, Herr Gomez, Herr Klose, Herr Khedira, Herr..., das ist alles ganz sauber. Leider viel zu sauber.
Wenn Deutschland nicht nur sauberen Fußball spielen würde, sondern im wichtigen und richtigen Moment wieder mit Männern zu faszinieren wüsste, die auch eigene Ideen haben dürfen und müssen, die, weil sie zumeist in der Testosteron-Hochphase ihres Lebens stehen, dieses Hormon auch mal fließen lassen dürfen, wäre der deutsche Fußball ausgezeichnete Weltspitze und nicht nur immer selbsternannte.
Das die Männer, die jetzt die EM gewonnen haben, neben dem Platz trotzdem saubere Jungs sind, haben die vielen eigenen Kinder gezeigt, mit denen sich die Spanier nach dem Spiel auf dem Platz gefreut haben. Das war sehr sauber Männer.
Matthias Herzog, Motivationstrainer und Fußballverzweifler, bringt das Problem auf den Punkt: Die große Kunst als Trainer ist es nicht, alle sauber zu einem Block zu schleifen, sondern die individuellen Charaktere zu erkennen, auszuprägen, Individualität zu fördern und richtig zu kombinieren, um daraus eine gemeinsame Kraft entstehen zu lassen. Diese so gebildete Kraft wäre ungleich größer und in den wichtigen Momenten, wo nur der eine Spieler zählt, kann dieser wieder richtig explodieren, Testosteron ungehindert freisetzen und etwas ganz egoistisch nur für sich tun. Zum Beispiel ein Tor schießen. Für die Mannschaft."