04/06/2026
Sie lesen „Verantwortung" im Leitbild.
Ihre Kollegin oder Ihr Kollege liest dasselbe Wort.
Und meint etwas anderes.
Unternehmenswerte klingen eindeutig. Sind sie aber selten. Denn jeder Mensch liest Werte durch die eigene Motivstruktur.
Eine Führungskraft mit stark ausgeprägter Ordnung versteht unter „Verantwortung" vielleicht:
- Sorgfalt
- Struktur
- Verlässlichkeit.
Eine Führungskraft mit stark ausgeprägter Macht liest im selben Wort eher:
- Entscheidung
- Durchsetzung
- Ergebnis.
Beide beziehen sich auf denselben Unternehmenswert. Und beide sind überzeugt, ihn richtig zu verstehen.
Genau hier beginnt Kulturarbeit. Denn Werte sind nicht nur Begriffe. Sie sind Interpretationen.
Steven Reiss beschreibt dieses Phänomen als Self-Hugging:
Wir halten unsere eigenen Werte nicht nur für wichtig, sondern oft unbewusst auch für allgemeingültig. Nicht aus Arroganz. Sondern weil unsere Lebensmotive stabil sind und unsere Wahrnehmung prägen. Was uns wichtig ist, beeinflusst auch, wie wir Führung, Zusammenarbeit und Verantwortung verstehen.
Das hat Folgen. Wer Werte verkündet, ohne die eigene Brille zu kennen, gestaltet Kultur schnell nach dem eigenen Motivprofil – und nennt es dann „unsere Unternehmenskultur".
Mitarbeitende mit anderen Motivlagen spüren die Lücke:
- Zwischen Wort und Wirkung
- Zwischen Anspruch und Alltag
- Zwischen Leitbild und Führungserleben.
Authentisch führen heißt deshalb nicht, lauter zu den Werten zu stehen.
Es heißt, die eigene Interpretation zu kennen – und sie nicht mit der Wahrheit zu verwechseln.
Drei Fragen für den ehrlichen Blick:
- Welcher Unternehmenswert fällt mir besonders leicht – und welches meiner Lebensmotive steckt dahinter?
- Wo verwechsle ich „das ist mir wichtig" mit „das ist objektiv richtig"?
- Gestalte ich eine Umgebung, die zu den Motiven meiner Mitarbeitenden passt – oder vor allem zu mir?
Welche dieser Fragen trifft Sie am meisten?