28/09/2024
Heute einmal eine Bitte an mein Netzwerk!
Ein junger Mann, 20 Jahre. Er ist noch in der Ausbildung. Sofern er sie je beenden kann.
Warum? Ich lernte ihn, nennen wir ihn Max, im Rahmen der Suchtprävention kennen. Mit zitternden Händen, die Finger gelb vom Nikotin, saß er vor mir. Tränen liefen über seine Wangen. Neben seiner Gesundheit hat er Angst um seine Existenz. Alkoholmissbrauch und mit einigen anderen Substanzen hatte er versucht, ab und zu etwas abzuschalten. Ob es bereits Sucht ist, will ich nicht beurteilen. Die Psyche von Max ist definitiv geschädigt. Salopp gesagt, er ist durch.
Was war geschehen? Nach einer Erziehung, welche sehr auf Leistung ausgeprägt war, kam er an einen Ausbilder, der genau dies weiter führte. No Pain, no Gain- Typ, der aus meiner Sicht das "Lehrjahre sind keine Herrenjahre"- Trauma so extrem weiter gab, dass man es eigentlich Mobbing nennen sollte. Aber leider in unseren Unternehmen immer noch häufig vertreten.
In meinem Netzwerk ist es in der Ausprägung nicht vertreten. Da bin ich mir sicher. Dass man sich zusammen reißen muss, höre ich dennoch häufiger. Vor allem in Bezug auf junge Menschen. Es wird immer noch als weich und schwach interpretiert, wenn diese für uns Älteren vorschnell Stopps setzen.
Ansteigende Fehlzeiten, häufig wegen psychischer Erkrankungen, bestätigen, dass wir umdenken müssen. Oft fallen diese Menschen komplett weg vom Arbeitsmarkt. Ein horrender Schaden für die Volkswirtschaft, also uns alle. Die Zeiten und die Menschen sind nicht mehr dieselben. Ich veranschauliche es mir so, dass in der Arbeitswelt langsam auf Bundesliga-Niveau spielen (Stichwort Produktivitäts-Steigerung). Da fallen die ganzen "Regional-Spieler" weg. Die fehlen am Arbeitsmarkt. Mitarbeiter-Entwicklung wird immer wichtiger. Es ist an der Zeit, auf der Ersatzbank zu schauen.
Ich bitte euch: unser neues Motto muss lauten, work smarter, not harder. Gebt solchen Menschen eine Chance. Schreibt es in euren Stellenanzeigen. Hebt darin hervor, dass ihr euch von den "Material-Fahrern" abhebt. Sozial vor Leistung. Die Arbeitswelt ist heut kein Sprint mehr, sondern ein Marathon. Führt sie in ihrer Geschwindigkeit an die gewünschte Leistung heran.
Mich triggert sowohl diese Geschichte, als auch, wie sehr hier immer noch die Leistung über alles gestellt wird. Warum? Ich war an dem Punkt von Max, als ich 10 Jahre älter war. Abstinent bin ich seither. Aber welchen Weg Max eventuell noch vor sich hat, weiß ich sehr genau. Bis ich das Leistungsdenken (auch eine Sucht?) abgelegt habe, vergingen noch Jahre. Einige Rückschläge kamen. Teilweise war nicht sicher, ob meine Arbeitsfähigkeit für immer weg ist.
Danke für eure Aufmerksamkeit. Ich wünsche ein wunderschönes Wochenende.