09/09/2026
Deine Geschichte ist noch nicht zu Ende
Dieser Satz behauptet nicht, dass alles gut wird. Er hält nur einen Gedanken offen: dass das, was heute unerträglich erscheint, nicht das letzte Kapitel sein muss. Seit mehr als 30 Jahren begleitet mich eine Frage: Was braucht ein Mensch, wenn er selbst keinen Weg mehr sieht?
Ich kenne diese Frage aus Gesprächen am Telefon, aus Mails und Chats, aus Ausbildung und Supervision. Und heute auch aus meiner Arbeit in der Steuerungsgruppe des Nationalen Suizidpräventionsprogramms (NaSPro).
Hinter jedem Suizid und jedem Suizidversuch steht ein Mensch. Eine Geschichte. Eine Not, die so groß geworden ist, dass ein Weiterleben in der bisherigen Form nicht mehr vorstellbar erscheint. Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Aufgaben der Suizidprävention: gemeinsam einen Moment auszuhalten, in dem ein Mensch selbst noch nicht sehen kann, wie seine Geschichte weitergehen könnte.
Und Suizid ist immer noch ein Thema, über das viele Menschen nicht sprechen können oder nicht sprechen wollen. Aus Scham. Aus Schuldgefühlen. Aus Hilflosigkeit. Oder aus der Sorge heraus, durch eine direkte Frage etwas „auszulösen“.
Meine Erfahrung aus drei Jahrzehnten Beratung ist eine andere: Wir müssen über Suizidgedanken sprechen können. Wir müssen zuhören können, ohne eine Lösung anzubieten. Nachfragen, wenn wir uns Sorgen machen. Schweigen aushalten.
In der Onlineberatung erlebe ich, wie wichtig geschützte und anonyme Räume sein können. Manchmal lassen sich Gedanken in eine Mail oder einen Chat schreiben, für die im direkten Gespräch noch die Worte fehlen. Das stellt auch Beratende vor große Herausforderungen. Wenn ein Chat mit „Ich kann nicht mehr“ beginnt und anschließend keine Antwort mehr kommt, muss man diese Ungewissheit aushalten. Professionelle Suizidprävention bedeutet deshalb für mich auch, diejenigen gut auszubilden, zu begleiten und zu stärken, die für Menschen in Krisen da sind.
Noch immer bin ich überzeugt: Suizidprävention gehört nicht nur in Beratungsstellen, Kliniken oder Fachprogramme. Sie gehört in unseren Alltag. Sie beginnt dort, wo wir wahrnehmen, dass sich jemand verändert. Wo wir nicht wegsehen. Wo wir nachfragen. Wo wir zuhören, ohne zu bewerten. Und wo wir gemeinsam nach Unterstützung suchen, wenn die eigene Hilfe nicht ausreicht.
Der Welttag der Suizidprävention am 10. September erinnert uns daran, die Sprachlosigkeit zu überwinden: gesellschaftlich, professionell und ganz persönlich. Denn manchmal beginnt Prävention mit einer scheinbar einfachen Frage: „Wie geht es dir wirklich?“ Und mit der Bereitschaft, die Antwort auch hören und aushalten zu wollen. Vielleicht können wir einem Menschen damit vermitteln: „Deine Geschichte ist noch nicht zu Ende“