14/10/2025
https://bund-helmstedt.de/fileadmin/helmstedt/pdf/82-Waldbrief-04-10-2025-Heinrich-Cotta.pdf
Mit der Niederlage bei Waterloo am 18. Juni 1815 endete Napoleons Herrschaft auch der letzten 100 Tage. Der große Eroberer und Erneuerer Europas verbrachte seine ihm verbliebenen Jahre in der Verbannung auf St. Helena, wo er 1816 in Longwood House dem französischen Marineoffizier Immanuel de Las Cases, einem Historiker und engen Vertrauten, seine Memoiren diktierte. Sie trugen als europäischer Bestseller „Mémorial de Sainte-Hélène“ wesentlich zu Legendenbildung bei und schufen eine Verbindung zwischen Bonapartismus und liberalem Denken des 19. Jahrhunderts.
Im Jahr 1816 befand sich auch Alexander von Humboldt in einer Phase intensiver wissenschaftlicher und publizistischer Arbeit in Europa, insbesondere in Paris, wo er mit Reiseberichten begann und sich der Auswertung und Systematisierung seiner Forschungsergebnisse widmete. Johann Wolfgang von Goethe arbeitete zur gleichen Zeit an naturwissenschaftlichen Studien, insbesondere zur Farbenlehre und Morphologie, und die Bearbeitung des Faust II nahm Gestalt an. Die Entstehung einer neuen Bildung naturwissenschaftlich/philosophischer Prägung und eine allgemeine politische Liberalisierung, zunächst als eine Vorstellung der bürgerlichen Bildungseliten, entfaltete ihre Wirkung auch auf das wissenschaftliche Weltbild.
In dieser Zeit des Aufbruchs schrieb der Königlich Sächsische Oberforstrat und Direktor der königlichen Forstakademie und der königlichen Forstvermessung, Johann Heinrich Cotta, am 1. Dezember 1816 in Tharandt das Vorwort seines Buches „Anweisung zum Waldbau“. Es erschien 1817 in der Arnoldischen Buchhandlung zu Dresden und sollte sein berühmtestes Werk werden.
Der am 30. Oktober 1763 im Forsthaus Kleine Zillbach geborene und am 25. Oktober 1844 in Tharandt gestorbene Cotta war zu dieser Zeit bereits eine Berühmtheit auf seinem Gebiet. Er pflegte Kontakt mit Johann Wolfgang von Goethe, mit dem ihn die gemeinsame Leidenschaft des Sammelns geologischer Funde verband, und gilt als einer der Begründer deutscher Forstwissenschaft.
Dieses Vorwort war nicht nur eine Begründung dafür, warum er dieses Buch schrieb. Es war ein Paukenschlag. Es brachte den Boden der Erkenntnis mit jedem Satz zum Beben. Cotta hielt einer forstwissenschaftlichen Elite seiner Zeit den Spiegel vor, deren akademische Selbstgefälligkeit und Unfehlbarkeit den Grundstein für 200 Jahre forstwirtschaftlicher Fehlentwicklung bis in die heutigen Tage legte. „Gäbe es keine Menschen im Wald, würde dieser größer und fruchtbarer werden“. „Sonst hatten wir keine Forstwissenschaft und Holz genug; jetzt haben wir die Wissenschaft, aber kein Holz“. „Wälder bestehen am besten da, wo es keine Forstwissenschaft gibt“. „Der gute Forstmann lässt die Wälder geringer werden, der schlechte verdirbt sie“.
Jeder Satz ein Weckruf. Dabei beweist er bereits im Vorwort seine Fähigkeit zur Differenzierung: „Auch der gute Forstwirt lässt also die Wälder geringer werden, aber nur da, wo es nicht zu verhindern ist. Der schlechte hingegen verdirbt sie überall.“ Es sei ein sicheres Zeichen von „Seichtheit“, wenn jemand alles zu wissen glaube. Was der erste im Forsthaushalte für ausreichend halte, sei bald erlernt, und die systematischen Lehrsätze des anderen seien dem Gedächtnis bald eingeprägt. Und er resümiert: „Bei der Ausübung verhält sich aber die Kunst des ersten zur gründlichen Forstwissenschaft, wie die Quacksalberei zur wahren Heilkunde, und der andere erkennt den Wald oft vor Bäumen nicht“.
Cotta stellt fest: „der gute Forstwirt nimmt den höchsten Ertrag aus dem Walde,ohne den Boden zu verderben; der schlechte verdirbt diesen, während er vielleicht nur die Hälfte des Warenertrags bezieht.“ Als die Ursachen, warum man noch so weit im Forstwesen zurück sei, macht er fest, dass man oft etwas für gut halte und dafür ausgebe, was nur eine Zeit lang gut sei, späterhin aber im Forsthaushalt schädlich werde. Er erkennt, „dass die besten Erfahrungen mit den Männern absterben, die sie gemacht haben, und dass dagegen viele ganz einseitige Erfahrungen von den bloß schreibenden Forstmännern so viel mal nachgeschrieben werden, bis sie am Ende als Glaubensartikel dastehen, denen niemand mehr zu widersprechen wagt, sie mögen noch so einseitig oder irrig sein.“ Er deckt mit brillanter Offenheit einen durchNachhaltigkeitsphrasen vernebelten fundamentalen forstwissenschaftlichen Irrtum auf, wonach es möglich und vertretbar sei, mit künstlichen Mitteln forsttechnischen Einsatzes mehr Holz aus dem Wald zu holen, als dieser bereit sei, dauerhaft zu geben. „Der Mensch kann es besser als die Natur“, sagt hingegen der schlechte Forstwirt nach Cotta. Das ist bis in die Gegenwart das Kernverständnis der etablierten Forstwissenschaft. „Der Mensch kann die Naturgesetze nicht überlisten und nur das dem Wald entnehmen, was dieser zu geben bereit ist, ohne dauerhaft Schaden zu nehmen“, sagt der gute Forstwirt nach Cotta. Dieses Grundverständnis muss bis in die Gegenwart um seine Anerkennung kämpfen.
Cotta ist bis heute von den Meinungsführern nicht verstanden worden. Das ist das kollektive Versagen eines immer noch geachteten Berufsstandes in der heutigen Zeit. Heinrich Cotta distanziert sich von dem Dünkel, die eigenen Ansichten für die einzig wahren zu halten. Er nehme, schreibt er, „sehr gern jede bessere Belehrung“ an. Ich folge ihm da gerne.
Karl-Friedrich Weber