29/05/2024
Da morgen der Comic-Salon Erlangen beginnt, passt Interviewfrage Nummer 7 ja ganz wunderbar!
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Interview mit Schwarwel
zu seiner neuen Graphic Novel „Gevatter – Die fünf Phasen“
Teil 7/x
Wie lebt es sich als Comic-Zeichner (in Deutschland), insbesondere wenn man seine eigenen Geschichten erzählt und Comics zeichnet? Kann man damit seinen Lebensunterhalt verdienen, kann man davon leben? Wie ist es bei dir und „Gevatter“?
schw: „Irgendwie hat es der Comic in Deutschland nie geschafft, die Aufmerksamkeit als Massenmedium zu bekommen, die er in meinen Augen verdient hätte. Das mag daran liegen, das ihm immer noch das „Schund- und Schmutzliteratur“-Image anhängt, das er seit den Nachkriegsjahren hatte, als die US-amerikanischen GIs ihre Mickey-Mouse-Hefte an die Kinder verteilten. Oder daran, dass es einfach zu wenig mutige Verlage gibt, die Erwachsenenthemen publizieren und vor allem fördern. Comic ist nach wie vor ein Nischenthema, auch wenn sich viele Verlage bemüht haben, mit dem Label „Graphic Novel“ neue Leserkreise zu erschließen oder die Leser:innen von Kinder- und Teenagercomics auch als Erwachsene an sich zu binden. Ein Blick ins Zeitschriftenregal des HIT-Marktes reicht eigentlich, um zu wissen, wo der Comic in Deutschland angesiedelt ist: Da liegen ein wiederaufgelegtes Lucky-Luke-Album neben einem alten Asterix, Bussi Bär, Star Wars (Lego!), dem Mosaik (eins mit Jungs, eins mit Mädchen), Feuerwehrmann Sam und dem unvermeindlichen Lustigen Taschenbuch, das mich schon als Kind angekotzt hat, weils einfach nicht so cool war wie Fix & Foxi-Extra. Eine Regalabteilung weiter liegen dann die neuesten Romane, Weltliteratur, Geschichtsbücher und Filmbildbände … Wer hat da schon Lust, so einen unsexy Beruf wie den des Comiczeichners zu ergreifen?
Wenn ich in den sozialen Netzwerken sehe, was die Kollegen so hauptberuflich machen, weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll: Bibi Blocksberg, Pferdecomics, Weltraumgeschichten oder man arbeitet als Übersetzer:in. Die interessanteren Sachen fristen ein Schattendasein, weil es den Macher:innen aufgrund von mangelndem Marketingbudget und mangelnder Berichterstattung einfach nicht gelingen kann, für ihre Sachen eine breite Öffentlichkeit zu generieren, aus der sich eine Stammleserschaft herausbilden könnte.
Ich bewundere jede:n Kolleg:in, der/die sich nur allein von seinen/ihren Comicgeschichten ernähren kann – aber die wenigsten können das. Hier ein Workshop, da ein Wimmelbild, dort eine Comic-Lesung (Wie doof bitteschön ist das denn?!) … Ich weiß nicht, ob die Leute sich das so vorgestellt haben, als sie damit angefangen haben, Bildgeschichten zu zeichnen, ich jedenfalls nicht.
Ich dachte, man kann den ganzen Tag wie Jack Kirby an seinem Zeichenbrett sitzen und eine geile Seite nach der anderen raushauen. Dann macht man das Licht aus und chillt mit der Crowd. Und am nächsten Tag gehts genau so weiter.
Kurzum: Es ist wie in allen kreativen Berufen, die auf Konkurrenz und Publikum aufgebaut sind. Man muss sich den A***h abarbeiten, um gut zu werden, jede Menge Klinken putzen, sich ein bisschen prostituieren und dabei irgendwie hoffen, dass noch dieses Quentchen Glück und diese eine günstige Gelegenheit dazu kommen, um „es zu schaffen“. Was immer dieses „es“ dann sein mag.
Nach zehn Jahren als Verlagsleiter von EEE mit echt guten Lizenztiteln wie „Hellboy“, „Heavy Metal: FAKK II“, „Faust“, „Body Bags“, „Satanika“ und „Death Dealer“ und vielen schnuckeligen Eigentiteln wie „Schweinevogel“ und „Extrem Terror“ könnte ich heute echt nicht sagen, dass EEE „es geschafft hatte“. In der Comicszene war EEE natürlich eine namhafte Größe, aber bei etwa 5.000 Comic-Ultras auf 84 Millionen Einwohner konnte so ein Verlag in Deutschland einfach nicht existieren, geschweige denn den vorhandenen Nachwuchs angemessen fördern, indem man korrekte Seitenpreise bezahlt und die Titel auch marketingtechnisch betreut.
Mit der Patchwork-Taktik, die wir bei Glücklicher Montag fahren, funktioniert das alles seit ein paar Jahren ziemlich gut: Animationsfilme, Schulbuch-Illustrationen, Karikaturen, Zeichnungen für Fahndungssendungen, Demokratie-Workshops, Plakatgestaltungen und dazwischen immer wieder Comics.
Für „Gevatter“ hatten wir das Glück, mit Frank von der FUNUS Stiftung einen Comicfan kennengelernt zu haben, der das Projekt wegen seines Inhaltes – also der Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit – unterstützen wollte, und nicht wegen des Mediums. Sowas ist ideal und ich wünsche mir deutschlandweit mehr davon. Mehr Förderer:innen, Unterstützer:innen und Mäzene. Comics und Graphic Novels zu machen, ist verdammt zeitaufwändig, kleinteilig und irrsinnig kompliziert. Da tut es gut, wenn man verständige Leute hat, die sowas finanziell und ideell unterstützen und einen auch einfach erstmal machen lassen. Was Verlage so an Honoraren ausloben, ist mitunter ein Witz, aber ich weiß auch, dass sich die Verlage meistens gar nicht mehr als diesen Witz leisten können, weil man wirklich viele Hefte oder Alben verkaufen muss, um einen anständigen Seitenpreis an die Macher zahlen zu können.“