20/11/2020
Liebe Gäste, liebe Nachbarinnen & Nachbarn,
liebe Kolleginnen & Kollegen
der erneute Lockdown trifft uns hart. Schon die Sperrstunde hat unsere Einnahmen um etwa 50% reduziert, vom wohlgemerkt sowieso schon geringen Umsatz seit dem ersten Lockdown im März. Die versprochenen Hilfen vom Staat können das nicht auffangen, allein die Miete frisst den Großteil davon auf.
Überhaupt, die Miete: Leider gehören wir zu denen, die von ihrem Vermieter keinerlei Entgegenkommen erfahren. Ungeachtet der aktuellen Situation werden 100 % Miete gefordert. Für uns war es schon vor dem neuerlichen Lockdown schwer, die volle Höhe zu erwirtschaften, denn die Abstandsregeln lassen einen Normalbetrieb überhaupt nicht zu. Wir mussten Gäste wegschicken, wenn die wenigen Plätze belegt waren, uns fehlen die
Einnahmen von privaten Partys und Betriebsfeiern, von langen Nächten, von Kicker- und Tischtennisturnieren, von Public Viewing und anderen Veranstaltungen.
Aber der zweite Lockdown trifft uns nicht nur finanziell. Er ist auch ein Schlag ins Gesicht für uns, die wir die Pandemie sehr ernst nehmen und daher Hygienekonzepte nicht nur entwickelt, sondern auch umgesetzt haben. Es war ein logistischer Kraftakt, wir haben Zeit, Geld und Nerven investiert, um das Zimt und Zunder zu einem sicheren Ort zu machen. Wir haben – auch mit Stammgästen – immer wieder über die Maskenpflicht diskutiert und zum ordentlichen Ausfüllen der Gästeinformationen aufgefordert, um die lückenlose Corona-Nachverfolgung zu ermöglichen.
Wir waren kreativ, haben einen Straßenverkauf organisiert, unser Angebot um Kaffee und Kuchen erweitert und eine Startnext-Kampagne ins Leben gerufen. Ihr habt es honoriert, uns unterstützt, Solidarität gezeigt und konkrete Hilfe angeboten. Dafür möchten wir ausdrücklich DANKE sagen.
Aber auch Kreativität kostet Kraft. Wir haben uns während der letzten Monate mit komplizierter Bürokratie beschäftigt, Anträge gestellt, immer wieder mit der Hausverwaltung
zu verhandeln versucht, haben Briefe und Mails geschrieben und beantwortet, „Dankeschöns“ für die Startnext-Kampagne entwickelt und produzieren lassen, Hygiene- und Abstandsregeln verkündetet und immer wieder durchgesetzt. Nichts davon entspricht
unserem eigentlichen Geschäft: Gastgeberinnen sein, eine Kneipe führen, Menschen zusammenzubringen, glücklich (und betrunken) zu machen.
Wir sind müde, wir sind erschöpft, wir sind resigniert. Aber wir machen weiter. Irgendwie. Wir sind dankbar für eure Unterstützung, sie hilft uns nicht nur finanziell, sondern auch
emotional. Und wir wünschen uns so sehr, nicht mehr „nur dankbar“ sein zu dürfen, nicht mehr nur Empfängerinnen von Solidarität, sondern wieder handlungsfähig, wieder Gastgeberinnen zu sein.
Bis dahin heißt es erneut: durchhalten. Aber wir wollen nicht untätig sein. Wir wollen die Zeit nutzen, uns vernetzen mit anderen, denen es so geht wie uns. Wir wollen aktiv werden und die Politik in die Verantwortung nehmen.
-Wir fordern den Bund und das Land Berlin auf, echte Hilfe bereitzustellen. Wir brauchen unbürokratische finanzielle Unterstützung, keine Kredite, die am Ende nur den Banken nützen.
-Wir fordern den Senat auf, endlich die Eigentümer*innen in die Pflicht zu nehmen, Mietminderungen für Gewerbe durchzusetzen. Es kann nicht sein, dass die Immobilienwirtschaft dieser Stadt keinerlei Beitrag zur Bewältigung dieser Krise leistet.
-Wir fordern ein Bekenntnis der Politik zur Gastronomie dieser Stadt. Wir sind systemrelevant! Bars und Kneipen sind ebenso wie Clubs und Kulturstätten soziale Räume, die den Menschen dieser Stadt Halt geben, Zuflucht bei Einsamkeit, Nachbarschaft und sozialen Austausch schenken. Wenn wir diese Krise nicht
überstehen, verliert Berlin sein weltoffenes, buntes Gesicht, das unsere Stadt nicht zuletzt für Tourist*innen so attraktiv macht.
Wenn ihr euch fragt, wie ihr uns jetzt unterstützen könnt: Teilt unsere Forderungen.
Unterstützt unser Anliegen, baut Druck auf die Politik und die Immobilienwirtschaft auf. Die Corona-Pandemie nimmt uns gerade die Orte des persönlichen Austauschs, sie schränkt unsere menschlichen Kontakte ein, aber sie nimmt uns nicht unseren Zusammenhalt und gegenseitige Solidarität.