04/09/2026
Ich möchte bitte wieder langweilig sein
Ich habe den Eindruck, ich bin irgendwann falsch abgebogen.
Früher war das Leben noch herrlich unkompliziert.
Wenn ich müde war, war ich müde.
Wenn ich schlechte Laune hatte, hatte ich schlechte Laune.
Wenn ich genervt war, dann meistens aus einem ziemlich nachvollziehbaren Grund.
Heute ist das anders.
Heute bin ich offenbar gar nicht mehr müde.
Heute habe ich wahrscheinlich ein Energieleck.
Oder ein blockiertes Wurzelchakra.
Oder ein blockiertes Herzchakra.
Oder beide.
Dazu kommen vermutlich drei innere Kinder, die sich untereinander nicht einig sind, zwei hartnäckige Glaubenssätze, Ahnenarbeit auf mütterlicher und väterlicher Linie und – ich möchte mich da nicht festlegen – vermutlich noch einen karmischen Vertrag aus dem 13. Jahrhundert, den ich damals leichtsinnigerweise unterschrieben habe.
Anders lässt sich meine Müdigkeit offenbar nicht erklären.
Es gibt mittlerweile für alles eine Erklärung.
Nur irgendwie nie die naheliegende.
Du bist erschöpft?
Nein, nein... du musst mehr in deine weibliche Energie kommen.
Du bist gestresst?
Da sitzt bestimmt noch ein Trauma aus einem früheren Leben.
Du schläfst schlecht?
Ganz klar. Die Frequenz des Mondes. Oder Merkur. Oder Vollmond. Oder rückläufig. Irgendwas ist immer rückläufig.
Und wenn gar nichts mehr hilft, ist es natürlich ein Thema deiner Ahnenlinie.
Ich höre dann höflich zu.
Wirklich.
Ich bin ein toleranter Mensch.
Jeder darf glauben, was ihm guttut.
Aber manchmal sitze ich da und denke ganz leise:
Vielleicht bin ich einfach seit sechs Uhr morgens wach.
Vielleicht habe ich den ganzen Tag gearbeitet.
Vielleicht habe ich fünf Stunden im Auto verbracht.
Vielleicht habe ich drei Vorträge gehalten.
Vielleicht habe ich zwischendurch noch Kunden beraten, einen Newsletter geschrieben, die Katzen versorgt und vergessen, Mittag zu essen.
Vielleicht brauche ich keinen Schamanen.
Vielleicht brauche ich einfach ein Käsebrot und acht Stunden Schlaf.
Mein persönliches Highlight war übrigens eine Dame, die mir nach wenigen Minuten erklärte, sie könne spüren, dass ich sehr im Kopf sei.
Ich habe sie angeschaut und gesagt:
„Ja. Da wohnt mein Gehirn.“
Sie fand das nicht lustig.
Ich schon.
Versteh mich nicht falsch.
Ich habe überhaupt nichts gegen Spiritualität.
Gar nichts.
Wenn Meditation mir hilft: wunderbar.
Wenn Yoga meinen Rücken rettet: großartig.
Wenn jemand Kraft aus seinem Glauben zieht: von Herzen gern.
Was mich nur ein kleines bisschen amüsiert, ist diese fast verzweifelte Suche nach einer spektakulären Erklärung für völlig normale Dinge.
Nicht jeder schlechte Tag ist eine kosmische Botschaft.
Nicht jede Erschöpfung ist ein Zeichen des Universums.
Und nicht hinter jedem Stolperstein verbirgt sich ein Seelenvertrag.
Manchmal war die Nacht einfach zu kurz.
Manchmal hat man zu viel gearbeitet.
Manchmal hat man Liebeskummer.
Oder Sorgen.
Oder zu wenig getrunken.
Oder die Wechseljahre.
Oder alles zusammen.
Ich persönlich hätte jedenfalls nichts dagegen, einfach mal wieder langweilig zu sein.
Ein ganz normaler Mensch.
Mit einem ganz normalen Tag.
Und einer ganz normalen Müdigkeit.
Ohne Energieleck.
Ohne karmische Altlasten.
Ohne innere Kinderkonferenz.
Einfach nur mit einer Tasse Tee, einer Wärmflasche und dem tiefen Wunsch, dass bitte niemand versucht, mein Wurzelchakra zu therapieren, bevor ich meinen ersten Kaffee hatte.