21/08/2026
Mindset im Pferdetraining
In meinem Berufsalltag im Pferdetraining fällt mir immer mehr auf wie wichtig es ist an unserem Mindset dem Pferd gegenüber zu arbeiten.
Situationen, Probleme die im Alltag und beim Reiten entstehen zu analysieren ohne sie zu bewerten.
Eine Trainerin, die ich sehr schätze und von der ich sehr viel lernen durfte hat einmal zu mir gesagt: "das Pferd ist immer gut! Seine Handlungen können mal verkehrt sein. Aber das Pferd ist immer gut und es ist wichtig ihm das zu spiegeln".
Ich gehe mittlerweile sogar noch einen Schritt weiter. Ein Pferd handelt niemals widersetzlich um uns zu schaden oder uns zu "ärgern" oder weil es nicht "gehorchen" möchte. Es gibt immer einen Grund für sein Verhalten. Meistens ist das Eigenschutz. Das Pferd hat immer Recht.
Darum ist es so wichtig zu analysieren ohne zu bewerten.
Zu hinterfragen, nach der Ursache zu forschen und dann Lösungen zu entwickeln.
Wollen wir Gehorsam um jeden Preis? Ist es Ungehorsam, wenn ein Pferd z.B. an der Longe eine Richtung verweigert? Sich vielleicht sogar los reißt? Ist es Ungehorsam, wenn ein Pferd beim Reiten die Schenkelhilfe ignoriert? Wenn es einen Sprung verweigert? Die Traversalen nur in eine Richtung anbietet und auf der anderen Hand wehrig ist? Wenn es nicht vorwärts gehen möchte oder sich nicht bremsen lässt?
Ich könnte die Liste noch ewig weiterführen.
In der Reiterwelt herrscht das Mindset, dass Pferde funktionieren sollen. So wird es den Kindern meist schon im Reitverein von klein auf eingetrichtert. Galoppiert das Pferd auf die Reiterhilfe nicht an: "mach mehr Druck. Benutze die Gerte." Wenn es zu langsam ist : "treibe doller." Wendet es nicht ab: "zieh am Zügel." Fällt es im Galopp aus: "mach sofort Druck."
Als ob die Pferde Maschinen wären und wir müssten nur die richtigen Knöpfe drücken damit sie funktionieren. Klappt es nicht, dann ist das Ungehorsam, dann muss man sich halt durchsetzen. Sonst hat ja das Pferd gewonnen, und macht beim nächsten Mal noch weniger mit.
Ich sehe so oft, dass unerwünschtem Verhalten des Pferdes meistens mit Dominanz begegnet wird. Das Pferd möchte nicht mit arbeiten, dann wird ihm sein Fehlverhalten mit Druck und Dominanz madig gemacht.
Was wir sehr oft damit erreichen? Die Pferde werden mundtot gemacht, sie funktionieren. Der Reiter ist glücklich, das Pferd wird irgend wann krank.
Warum gestehen wir unseren Pferden nicht zu, sich äußern zu dürfen, dass ihnen etwas schwer fällt? Oder gar weh tut?
Ich wünsche mir, dass wir unseren Pferden zuhören. Wenn es an der Longe eine Richtung verweigert, dann liegt das daran, dass es Schwierigkeiten mit der Balance und der Biegung hat.
Es möchte uns sagen, "so kann ich da nicht im Kreis herum laufen. Das tut mir weh. Ich verliere das Gleichgewicht. Mein Körper bekommt Schwierigkeiten, wenn ich in zu hohem Tempo mit falscher Rotation gezwungen werde im Kreis zu laufen und dann auch noch am Kopf festgehalten werde, oder gar daran gezogen oder geruckt wird. Dann tut das weh!"
Wenn der Mensch das wahrnimmt, darauf eingeht, einen Schritt zurück geht. Sieht, dass die von ihm gestellte Aufgabe sein Pferd überfordert und dem Pferd erstmal im Schritt, an der Hand zeigt, wie es abwenden kann, in Balance mit stabiler Halsbasis und korrekten Rotationen. Dann lernt das Pferd nicht nur wie es sich gesund durch die Bahn bewegen kann, sondern auch, dass es sich und seinen Körper dem Menschen anvertrauen kann. Weil es sagen darf, wenn etwas schwer fällt oder aktuell gar nicht möglich ist.
Es geht doch nicht darum immer zu "gewinnen". Das eigene Ego zurücknehmen, dem Pferd wohl wollend begegnen, ihm gute Bewegungsideen geben, angepasst an seinen Ausbildungsstand und an seine Tagesform. Dann entsteht echtes Vertrauen und ein gemeinsamer Dialog als gute Basis um gemeinsam Freude an der Bewegung, an dem Sport zu entwickeln und lange fit und gesund zu bleiben.
Die Pferde, die immer nur funktionieren müssen, verlieren ihr gutes Gefühl für ihren Körper, eignen sich ungesunde, schädliche Bewegungsmuster an und wissen irgend wann selbst nicht mehr was für sie gut ist. Sie werden zu Bewegungslegasthenikern. Das macht langfristik krank.
Darum ist wichtig sich mit der Biomechanik zu beschäftigen, wenn Probleme entstehen erst zu analysieren und nicht zu bewerten und sich gegebenenfalls fachliche Hilfe zu suchen.
Das Pferd ist immer gut. Es möchte sich wohlfühlen. Pferde streben nach Balance, innerlich und äußerlich.
In diesem Sinne, habt eure Pferde lieb und fangt an ihnen zu zuhören 😊