22/08/2026
Die Tiertafel Buxtehude wird zukünftig telefonisch nicht mehr erreichbar sein.
Warum? Weil wir diese Anrufe irgendwann seelisch einfach nicht mehr verarbeiten können.
Unsere Telefonnummer wird inzwischen offenbar überall weitergegeben, sobald irgendwo ein Tier in Not ist, niemand erreichbar ist oder sich niemand zuständig fühlt.
Und dann klingelt bei uns das Telefon:
„Hier liegt ein Igel am Straßenrand. Der atmet noch.“
„Hier sitzt eine Krähe, der ganze Flügel hängt runter.“
„Da ist eine Ente, die zieht ihr gebrochenes Bein hinter sich her.“
„Ich habe ein Eichhörnchenbaby gefunden. Es hat noch nicht einmal Fell und das ganze Maul ist voller Fliegeneier.“
„Mitten auf dem Feld sitzt eine Katzenmama mit vier kleinen Kitten.“
„Hier liegt eine verletzte Katze.“
„Was sollen wir machen? Könnt ihr kommen?“
Aber wohin sollen wir mit diesen Tieren?
Wir haben keine Wildtierstation, kein Tierheim, keine Auffangstation und überhaupt keine entsprechenden Räumlichkeiten.
Gerade beim Igel, der besonders geschützt ist, fragen wir uns inzwischen, was dieser Schutz in der Realität wert ist, wenn am Ende wieder Ehrenamtliche sehen müssen, wo sie mit einem verletzten Tier bleiben.
Es kann nicht die Lösung sein, dass Ehrenamtliche ständig Tiere einsammeln und teilweise weite Strecken fahren, weil vor Ort die entsprechenden Strukturen fehlen.
Und manchmal werden uns Tiere sogar regelrecht in den Arm gedrückt, weil ihre Besitzer sie nicht mehr behalten können.
So war es bei unserer kleinen Chihuahua-Hündin Kira.
Und was machen wir dann? Wir versuchen, irgendwie eine Lösung zu finden und nehmen solche Tiere am Ende bei uns zu Hause auf.
Aber unsere privaten Haushalte können nicht die fehlenden Auffangstationen im Landkreis ersetzen.
Das ist keine Struktur. Das ist Improvisation.
Und genau deshalb haben wir nicht nur auf die Probleme hingewiesen, sondern auch versucht, konkrete Lösungen vorzuschlagen.
Eine unserer Ideen war ein Pilotprojekt für eine zentrale Koordinationsstelle im Tierschutz.
Nicht nur für Kastrationsaktionen auf Höfen und an bekannten Brennpunkten, sondern als wirkliche Anlauf- und Schnittstelle zwischen Gemeinden, Ordnungsämtern, Polizei, Tierärzten, Findern und Tierschutz.
Denn Fundtiere sollen beispielsweise beim zuständigen Ordnungsamt gemeldet werden. Das klingt auf dem Papier erst einmal wunderbar.
Aber eine Woche hat 168 Stunden.
Jeder kann einmal schnell die Öffnungs- und Erreichbarkeitszeiten des Ordnungsamtes seiner eigenen Gemeinde zusammenrechnen und schauen, in wie vielen dieser 168 Stunden dort theoretisch überhaupt jemand erreichbar sein könnte.
Theoretisch – denn natürlich haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch Außentermine, Besprechungen und andere Aufgaben.
Und Tiere halten sich nun einmal nicht an Öffnungszeiten.
Sie werden abends gefunden. Nachts. Am Wochenende. An Feiertagen.
Und genau dann beginnt das Problem:
Wer ist zuständig? Wen kann ich erreichen? Wo kann das Tier hin? Wer sichert es? Welcher Tierarzt übernimmt? Und wer trägt am Ende die Kosten?
Gerade für Finder kann das zusätzlich zum Problem werden. Werden bestimmte Meldewege gegenüber der zuständigen Gemeinde nicht oder nicht rechtzeitig eingehalten, besteht unter Umständen das Risiko, dass sie am Ende selbst auf Kosten sitzen bleiben.
Genau für dieses Durcheinander hatten wir eine Koordinationsstelle vorgeschlagen, bei der die Fäden zusammenlaufen.
Eine Stelle, die Ansprechpartner für Fundtiere ist, bei der Sicherung verletzter Tiere koordiniert, Kastrationsaktionen organisiert und als Schnittstelle zwischen Gemeinden, Ordnungsämtern, Polizei, Tierärzten, Findern und Tierschutz funktioniert.
Gerade auch dann, wenn die üblichen Stellen nicht erreichbar sind.
Ein Pilotprojekt, mit dem man hätte ausprobieren können, ob sich endlich Struktur in etwas bringen lässt, das momentan viel zu oft durch ehrenamtliche Improvisation aufgefangen wird.
Passiert ist: nichts.
Spricht man diese Themen direkt an, wird einem durchaus Verständnis signalisiert. Man habe Verständnis für unsere Sorgen, man sehe das Problem, das Thema sei wichtig.
Und danach passiert wieder nichts.
Irgendwann bleibt bei uns nur noch das Gefühl zurück, man sei eben die nächste „Tierschutztrulla“, die sich aufregt, die man freundlich abgewimmelt hat – und dann kann alles weiterlaufen wie bisher.
Dabei reden wir nicht über irgendein Hobby.
Wir reden über Tiere, die tatsächlich Hilfe brauchen.
Dort, wo eine Katzenschutzverordnung gilt, müsste diese endlich konsequent kontrolliert und durchgesetzt werden. Und vielleicht müssten auch die angekündigten Bußgelder tatsächlich einmal verhängt werden.
Dann ließe sich damit vermutlich auch eine solche Koordinationsstelle mitfinanzieren.
Stattdessen stehen Regelungen auf dem Papier und draußen geht das Katzenelend weiter.
Für viele Dinge werden Zeit und Gelder gefunden. Auch der Jägerschaft werden beispielsweise Gelder für Projekte zur Verfügung gestellt.
Aber wenn es um vernünftige Strukturen für den Tierschutz geht, fehlen plötzlich Möglichkeiten, Räumlichkeiten und Geld.
Das macht uns inzwischen einfach nur noch fassungslos.
Warum können sich Gemeinden nicht zusammentun und beispielsweise einen Resthof oder eine andere geeignete Immobilie pachten?
Einen Ort, an dem Tiere vorübergehend untergebracht werden können und zumindest eine Erstversorgung und Koordination möglich ist.
Denn es kann nicht dauerhaft erwartet werden, dass Ehrenamtliche ans Telefon gehen, Lösungen suchen, Tiere durch die Gegend fahren und sie am Ende sogar im eigenen Zuhause aufnehmen.
Irgendwann geht es nicht mehr. Und dieser Punkt ist für uns jetzt erreicht.
Deshalb wird die Tiertafel Buxtehude zukünftig telefonisch nicht mehr erreichbar sein.
Nicht, weil uns die Tiere egal sind – sondern gerade weil sie uns nicht egal sind und wir diese Hilflosigkeit nicht mehr aushalten können.
Und wenn sich bei einem gefundenen oder verletzten Tier wieder einmal niemand zuständig fühlt, können wir nur noch sagen:
Wendet euch an eure Rathäuser, eure Gemeinden und den Landkreis.
Vielleicht müssen diese Fälle endlich wortwörtlich dort ankommen, wo Zuständigkeiten liegen und Entscheidungen getroffen werden.
Denn Tierschutz kann nicht dauerhaft bedeuten, dass Politik und Verwaltung darauf vertrauen, dass Ehrenamtliche das schon irgendwie auffangen.