02/11/2023
Hirschhausen halbprivat
Drei Tage brauchte es, bis die ARD-Sendung „Hirschhausen und ADHS“ sowie der mediale Aufruhr, der um sie herum entstanden war, sich setzten und legten. Zugegebenermaßen sitzen und liegen auch wir, da wir diese Zeilen schreiben, in herbstferienüblicher Urlaubslaune, zumal der Klimawandel dazu keine aufwendige Reise in südliche Gefilde mehr notwendig macht. Zeit also, Herrn von Hirschhausens Ausflug in die Welt der ADHS entspannt auf sich wirken zu lassen.
Klar, dass dieser TV-Beitrag der deutschen ADHS-Kritik nicht zusagte. Persönliche Perspektiven auf ein von ihr allein ideologisch betrachtetes und ausgeschlachtetes Thema haben ihren Doyen schon immer gestört, ungeachtet all des Geldes, das er mit „ADHS“ und „Ritalin“ verdient. Sogar gegoogelt hat Herr Schmidt den Arzt und Journalisten Eckart von Hirschhausen, samt Familienstammbaum, denn er reklamiert den russischen Adel, dem er einen „Promi-ADHS-Adel“ hinzufügen möchte. Wir gehen allerdings davon aus, dass Herr von Hirschhausen auf diese weitere Nobilitierung gerne verzichtet.
Ja, diese Sendung hat uns – dem ADHS Deutschland e.V. und seinen Mitgliedern – weitenteils gefallen. Vier Jahrzehnte der Selbsthilfearbeit hat es gebraucht, die ADHS aus der Schmuddelecke pädagogischen Versagens zu holen und als das zu etablieren, was sie ist: eine neurophysiologische Disposition der Verhaltenssteuerung, die zu Impulsivität, Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität führt. Selbsthilfe und Arbeit, die weder ein ideologisches Konstrukt noch eine Geschäftsidee zum Ursprung und Gegenstand hatten und haben, sondern das Leben unserer Kinder wie auch unser eigenes Leben als ADHS-Betroffene.
Wer ermessen will, was dieses Bekenntnis zur Auseinandersetzung mit der ADHS bedeutet, der lese die hämisch-verzweifelten Kommentare auf den Seiten der deutschen ADHS-Kritik zum Hirschhausen-Film. Die Aussage einer Kommentatorin „Ich habe sehr viel seelisches Leid erfahren, weil ich erst mit 53 erfahren habe, dass ich eine unbehandelte ADHS wohl habe“ wird dort von Herrn Schmidt umgehend mit der Replik „»ADHS« hat niemand, das ist eine Pseudodiagnose aufgrund vieldeutiger psychischer Symptome“ versehen. Gefolgt vom Link auf einen Artikel, der kommentarlos eine Liste von Diagnosen bietet, die nur ein jeder wissenschaftlicher Bildung barer ADHS-Kritiker mit den Symptomen der ADHS verwechselt. Diese Niveaulosigkeit, gepaart mit einer Herablassung, die von solchem intellektuellem Tiefstand ausgehend verblüfft, kennzeichnet die Art und Weise, wie ADHS-Betroffene und ihre Angehörigen, Wissenschaftler wie Frau Prof. Dr. Philipsen, zahlreiche Ärzte und qualifizierte Psychotherapeuten seit vielen Jahren angegangen werden.
Nun trifft es Herrn von Hirschhausen – aus russischem Adel wohlgemerkt! –, einen „Staatsjournalisten“, wie die deutsche ADHS-Kritik unter Verweis auf AfD-nahe rechtspopulistische Medien bereits im Vorfeld der Ausstrahlung des ARD-Beitrags herausstellte, denn Antipsychiatrie, Esoterik, Paranoia und braunes Gedankengut waren in Deutschland schon immer gut gemeinsam zu vermarkten. Was Eckart von Hirschhausen in den 43 Minuten seiner ADHS-Reportage thematisiert, ist offensichtlich Nebensache. Kein Wort über die Familie mit zwei betroffenen Kindern, die selbst differenziert über ihre Probleme sprechen, ganz zu schweigen von den Eltern, die aussprechen, was viele Familien mit ADHS-Kindern erlebten: Ohne Diagnose und Therapie der Störung wären wir als Familie über kurz oder lang gescheitert. Kein Wort über den ehemals Drogensüchtigen, der für Raub eine Haftstrafe von mehr als sechs Jahren erhielt und von sich und anderen im Gefängnis sagt: Wäre unsere ADHS früher diagnostiziert und behandelt worden, wäre unser Leben anders, besser verlaufen.
Dabei ist die Episode, in der Eckart von Hirschhausen durch Frau Prof. Philipsen, Direktorin der Klinik für Psychiatrie der Universität Bonn und langjähriges Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des ADHS Deutschland e.V., eine ADHS diagnostiziert wird, nur Nebensache. Der Verein stand seit Jahren im gelegentlichen Kontakt mit von Hirschhausen, denn wir sahen in ihm schon lange einen von uns, bereits zu Zeiten, als er sich selbst noch nicht traute, sich zur ADHS zu bekennen. Auch das ist ein Verdienst der Selbsthilfe, ganz ohne „ADHS-Promi-Adel“ für eine Akzeptanz des Störungsbildes geworben zu haben, als ein Bekenntnis zur eigenen Betroffenheit noch Fragen, Einschränkungen und Ausgrenzung zur Folge hatte. Und selten blieb es bei Fragen.
Muss man die Sendung verurteilen, weil Dr. Ralph Meyers auftritt, der mit „ADS ist heilbar“ nicht nur einen werbewirksamen Titel für sein Buch, sondern auch einen fragwürdigen Slogan für die Vermarktung seines eklektischen Therapieansatzes gefunden hat? Meyers ist der neue Winterhoff, von Bertelsmann aufgebaut, wo man in jeder Hinsicht etwas von Populismus versteht, nachgerade beim Vermarkten. Da nimmt es bei einer großen ARD-Produktion nicht wunder, dass Meyers platziert wurde – und nicht eine/r der vielen anderen Pädiater oder Kinder- und Jugendpsychiaterinnen im Lande zu Wort kam, die Vergleichbares, möglicherweise aber auch Schlaueres zur ADHS hätten sagen können.
Am Ende gab es noch etwas leicht bekömmliche Neurodiversität, auf ihre Art so reizvoll einfach wie die Auseinandersetzung der deutschsprachigen ADHS-Kritik mit dem komplexen Störungsbild. Womit wir wieder am Anfang wären, dem Anfang dieses Kommentars, dem Anfang des Hirschhausen-Films und dem Anfang der ADHS-Selbsthilfe, die sich weiterhin nicht nur unermüdlich für eine wissenschaftlich fundierte Diagnostik und Therapie, sondern auch für eine gleichermaßen fundierte Berichterstattung zum Thema ADHS einsetzen wird. Auf beiden Feldern gibt es, auch nach der Hirschhausen-Sendung, noch viel zu tun.
https://www.ardmediathek.de/video/hirschhausens-check-up/hirschhausen-und-adhs/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2hpcnNjaGhhdXNlbnMtY2hlY2stdXAvMjAyMy0xMC0zMF8yMC0xNS1NRVo