03/10/2016
ACHTUNG
Styropor
Hausbauer, Renovierer und Handwerker kennen sie: Polystyrol-Platten, die zur Wärmedämmung zwischen Mauerwerk und Putz angebracht werden. Vielen sind sie besser bekannt unter dem Markennamen Styropor. Der Kauf dieser Platten und die Verwendung ist kein Problem – aber die Entsorgung ab Freitag, 30. September.
Denn die deutsche Umsetzung einer EU-Verordnung deklariert diese Dämmstoffe künftig als Sondermüll, der getrennt gesammelt und entsorgt werden muss. Dies liegt an dem Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan, kurz HBCD, das als langlebiger organischer Schadstoff identifiziert wurde und oft in den Polystyrol-Platten enthalten ist.
In der Praxis verursacht das Trennungsgebot derzeit große Probleme. „Die Gesetzesänderung hat Gutes im Sinn, aber sie ist nicht zu Ende gedacht", sagt Martin Lang, Obermeister der Dachdecker- und Zimmerer-Innung Bielefeld. Niemand sei darauf vorbereitet. Gewerbe und Handwerk wissen nicht, wie sie die Styropor-Platten ab dem 1. Oktober entsorgen können.
„Wir wissen nicht, wohin damit"
Denn viele Entsorgungsbetriebe haben momentan einen Annahmestopp erteilt. Der Grund: „Auch wir wissen nicht, wohin damit", sagt ein Unternehmer aus dem Kreis Warendorf. In seinem Wirkungskreis nimmt die örtliche Kreisdeponie das Styropor nicht an. Wie so viele Anlagen bundesweit auch die Müllverbrennungsanlage (MVA) Bielefeld nicht. Geschäftsführer Rainer Müller erklärt, dass die MVA derartige Monochargen schon in der Vergangenheit nicht angenommen hat. Das leichte und großvolumige Material könne nicht gelagert und gehändelt werden. Und das Verbrennen selbst sei schwierig.
Die bisherige Entsorgung dagegen war einfach und unbedenklich: Der Styropor-Abfall von Baustellen wurde unter den sonstigen Bauabfall gemischt. Bei der Verbrennung wurde HBCD so zerstört. Nun sorgen die Monochargen für Probleme.
Auch die Tönsmeier-Gruppe mit Hauptsitz in Porta Westfalica klagt angesichts der Gesetzesänderung. Das Vermischungsverbot erschwere die Annahme und Lagerung. Ähnlich geht es dem Unternehmen Drekopf – der Entsorger musste einen Annahmestopp ausrufen.
Eine erste Lösung: Das Material wird zwischengelagert. Aber so einfach ist das nicht. „Um gefährlichen Abfall lagern und transportieren zu dürfen, braucht man eine spezielle Genehmigung", sagt Obermeister Martin Lang. Und die haben viele Handwerksbetriebe in der Regel nur für kleine Mengen. „Wir bekommen einen Entsorgungsnotstand." Die Gefahr der illegalen Entsorgung steigt.
Hinzu kommt, dass völlig unklar ist, was die Entsorgung künftig kostet. Wahrscheinlich deutlich mehr. Bauen könnte somit teurer werden. Betriebe können ihren Kunden keine Kostensicherheit garantieren, und sie haben keinen verlässlichen Preis, mit dem sie kalkulieren können.
Was bedeutet das Ganze für den privaten Renovierer und Verbraucher? Wer nach Renovierungsarbeiten Material entsorgen möchte, muss noch strikter trennen als bisher. Und: Teilweise ist HBCD laut Umweltbundesamt auch in Styropor-Verpackungskunststoffen zu finden, beispielsweise für weltweit gehandelte Elektro- und Elektronikgeräte. Momentan wird dieses Styropor von Verbrauchern über den Gelben Sack entsorgt. „Es könnte also sein, dass man Sondermüll an die Straße stellt, der von dafür nicht zugelassenen Müllfahrzeugen abgeholt wird", sagt Lang. Der Umweltbetrieb in Bielefeld nimmt die Styropor-Platten an allen Abgabestellen nach eigenen Angaben weiterhin an.
„Die Umsetzung liegt bei den Ländern"
Der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) hat bereits einen Lösungsvorschlag entwickelt, über die die Länder derzeit sprechen. Unter anderem sollen Abfallverbrennungsanlagen, die schon die technischen Voraussetzungen erfüllen und einzelne gefährliche Abfälle bereits verbrennen dürfen, leichter eine zusätzliche Genehmigung erhalten. Niedersachsen hat das schon umgesetzt.
Auch sollen Entsorger eine Genehmigung für die Lagerung des Sondermülls schneller bekommen. Und die zulässigen Mischungsanteile des Abfalls sollen erhöht werden. „Das sind alles Punkte, die von den Ländern schnell umgesetzt werden können", so BDE-Sprecher Alexander Georg-Rackow. „Das liegt nun in deren Hand."