16/06/2022
Nur wenige Zeitgenossen wissen, wie eigentlich das Verfassen von Darstellungen zur Geschichte vor sich geht. "Schreiben" - da denken die meisten an den einsamen Schriftsteller in der Dachkammer, der aus seinem Genius heraus die Seiten füllt. Oder gar noch auf und ab wandelnd Gedanken sammelt und dann zu Papier bringt oder bringen lässt.
Das mag für Romane, Essays oder auch freie philosophische Texte so richtig sein. Für den Historiker ist es weitab von seiner Realität. Hin und wieder erlauben wir uns auch einmal das freie Schreiben. Für Chroniken und Darstellungen ist es aber in der Regel unabdingbar, ganz eng an den Quellen zu schreiben, diese auswertend, zitierend, zusammenfassend, - wenn es gut geht dann in einer solchen Verdichtung, dass die Quellen selber sprechen.
Hier kommt dann oft ein weiteres Klischeebild hervor: der Gelehrte, der mit der Lupe ein Dokument entziffert und einfach abschreibt. Ja, das gibt es, natürlich baut man in eine Darstellung immer auch einmal Abschriften von Urkunden und Quellen ein. Aber in den meisten Arbeiten wäre es nicht möglich, alle Quellen zu edieren - für die Sparkasse aktuell habe ich Tausende Archivaufnahmen gemacht, da würden die Leser ertrinken in Quellen.
Es geht also nur so, dass man zu einem Thema jeweils die Quellen beisammen hat - und dann diese zusammenfassend zur Darstellung bringt, hier und da ein Zitat und eine Abbildung eingestreut, natürlich. Dieses "Zusammenfassen" wiederum stellen sich viele zu einfach vor. Mal eben Unterlagen aus 4 Archivbeständen zusammenfassen, klar, machen Sie mal eben. Das ist nicht anders als wenn handwerkliche Laien der Meinung sind, einen Motor auszutauschen geht doch ganz einfach, raus, neuer rein, fertig, zack. Oder ein Haus zu bauen, zack fertig.
So ist natürlich die Realität weder im Handwerk noch im Erstellen einer historischen Darstellung, wenn diese Hand und Fuß haben soll. Da bleibt bei komplexen Themen mit Akten aus verschiedenen Beständen nur eines: zu einem Thema alle relevanten Aktenbestände einzeln duchsehen und excerpieren. Da die Bestände in der Regel miteinander KORRESPONDIEREN - Bestandsbildner A schreibt an B, C ist auch involviert, Konzept in A, Original in B, Kommentar in C, D ist auch noch beteiligt etc. pp. - mache ich das in der Regel so, dass ich jeden Bestand durchsehe und von den relevanten Dokumenten notiere:
1. Datierung
2. Wer schreibt an wen
3. Original/ Konzept
4. kurze Notiz zum wesentl. Inhalt.
Es kann sein, dass es noch effektiver wäre, das alles in einer Datenbank einzutragen - allerdings habe ich mich dazu noch nicht entschließen können, ich verliere dann die einfache und unkomplizierte Übersicht, die mir handschriftliche Notizen - schön wie seit Studientagen in 3 Spalten in einem zusammengehefteten A4-Heft - immer gewähren.
Denn wenn die aktengebundenen Excerpte in dieser Art dann vorliegen zu einem Thema - dann nehme ich einen Farbstift - das Augenfällig-Sinnliche ist immer hilfreich - und numeriere chronologisch aus allen Beständen - dann zeigt sich zwanglos wie der Zusammenhang ist - z.B. erstes Dokument vom 3.2.1899 aus der Akte A - bekommt die No. 1 in grün - oh schau, in Akte C gibt es das Original vom selben Datum, bekommt ebenfalls die No. 1 in grün verpasst - die Antwort auf No. 1 findet sich in Akte B, der Anhang dazu im Hausarchiv Akte D etc. pp.
So erschließt sich der Zusammenhang der Dokumente über die Bestandsgrenzen hinweg strukturell-sinnlich in einfacher Weise und man kann an dieser Schiene entlang dann endlich in das freie Verfassen kommen, erst dann ist die Grundlage gelegt, die Vorgänge lebendig darzustellen, dabei natürlich auch zu interpretieren und einzuordnen.
Das alles läuft durchaus mit digitaler Stützung - aus der Recherchephase habe ich die meisten Akten digital auf dem Rechner, die meisten auch verarbeitet und schon vorverdaut sozusagen in Dokumentationen als pdfs. Daneben gibt es aus dem Hausarchiv vieles in Original zur Hand, außerdem Handbücher und Literatur griffbereit. Inzwischen geht es gar nicht mehr ohne die 3 Monitore: in der Mitte mein Textdokument, links die Daten und Fotos aus den Archiven, die ich wunderbar heranzoomen und dann leicht lesen kann - rechts die schon erstellten und pdfs der Dokumentationen.
So vergehen mitunter einige Tage mit frischen Excerpten, bis man als Historiker an das eigentliche Schreiben zu einem Thema gehen kann. Und von solchen Themen gibt es in einem Kapitel, wie aktuell zB das zur Epoche 1867 bis 1923 - nicht wenige. Aktuell z.B. die Erlangung der "Mündelsicherheit",- die sich mit Vorakten von 1900 bis 1907 hinzog und die damaligen Gemüter sehr bewegte, drängte sie doch die Spar- und Leihkasse in Rendsburg damals in engere Verbindung zur Stadt. Die Sache ging bis nach Schleswig und es fuhren sogar mehrmals Delegationen nach Berlin, wo man im Innenministerium die Rendsburger Sparkasse schon gut kannte.
Ein gut gemachtes "Zusammenfassen" kann wie dargelegt also nur auf dem beschriebenen Wege einer systematischen Quellenanalyse und -zuordnung beruhen; - so wie ein funktionierendes Haus oder Auto nur auf präzisen Vorarbeiten und fertig zubereiteten Bauteilen, die man dann zusammenfügen kann. Mir scheint, es dürfte gern mehr Historiker:innen geben, die nach einem Studium dieses Handwerk lernen und ergreifen. Der Bedarf ist groß.