18/03/2026
100 Jahre Leben.
Was macht die aktuelle weltpolitische Lage mit den Menschen, die den Krieg selbst erlebt haben? Mit jenen, die heute über 90 Jahre alt sind und ein Leben voller Umbrüche, Verluste, aber auch Aufbau und Hoffnung hinter sich haben?
Ich begegne solchen Menschen in meinem Alltag. Viele von ihnen sind inzwischen stark eingeschränkt, meist auf ihre Wohnungen beschränkt. Ihre Tage bestehen nicht selten aus langen Stunden vor dem Fernseher. Und genau dort prasselt sie unaufhörlich auf sie ein: Nachrichten über Krisen, Konflikte, Kriege – immer wieder Bilder und Worte, die Erinnerungen wachrufen, die vielleicht nie ganz verschwunden waren.
Was macht das mit einem Menschen, der all das schon einmal durchlebt hat?
Für uns Jüngere ist es manchmal schon schwer, diese Nachrichten auszuhalten. Wir schalten ab, vermeiden bewusst den Konsum, ziehen uns zurück, um uns zu schützen. Doch viele dieser alten Menschen haben diese Möglichkeit nicht mehr. Sie sind der Dauerbeschallung ausgeliefert – und mit ihr den Gefühlen, die sie auslöst.
Alte Ängste kehren zurück. Bilder aus der Vergangenheit vermischen sich mit denen der Gegenwart. Das Gefühl von Unsicherheit, von Bedrohung, vielleicht auch von Ausweglosigkeit kann wieder sehr real werden. Und in manchen Fällen führt das so weit, dass Menschen, die einst ein zerstörtes Land mit aufgebaut haben, die so viel getragen und überstanden haben, plötzlich keinen Sinn mehr sehen – und Suizidgedanken entwickeln.
Das ist erschütternd.
Es zeigt, wie tief Kriegserfahrungen im Menschen verankert bleiben können – selbst nach Jahrzehnten. Und es macht deutlich, wie wichtig es ist, diesen Menschen zuzuhören, sie ernst zu nehmen, sie nicht allein zu lassen mit dem, was die Gegenwart in ihnen wieder aufreißt.
Denn hinter jeder dieser Reaktionen steht ein Leben voller Geschichte. Ein Leben, das geprägt wurde von Verlust und Stärke zugleich. Und vielleicht ist es gerade jetzt unsere Aufgabe, ihnen ein Stück Sicherheit zurückzugeben – durch Nähe, durch Verständnis und durch das bewusste Abschirmen vor dem, was sie nicht mehr tragen können.