20/08/2026
Wenn ein Dorf zur Kulisse wird
Über Massentourismus, verlorene Umgangsformen und die Frage, was wir einem Ort schuldig sind, wenn wir dort zu Gast sind.
Es gibt Orte, die ihre Energie innerhalb weniger Stunden verändern.
Santanyí auf Mallorca ist so ein Ort.
An gewöhnlichen Tagen hat das Dorf seinen eigenen Rhythmus. Menschen grüssen einander, sitzen vor den Cafés, erledigen ihre Einkäufe. Ein Bon dia hier, ein gracias dort. Santanyí ist längst international und touristisch geprägt – und fühlt sich dennoch wie ein Ort an, an dem Menschen leben.
Und dann kommen Mittwoch und Samstag. Markttage.
Busse bringen Besucher ins Dorf, die Gassen füllen sich. Eine Bekannte, die ein Geschäft in Santanyi hat, sagte mir einmal: „An diesen beiden Tagen verändert sich die ganze Energie des Dorfes.“
Ich wusste sofort, was sie meinte.
Nicht, weil Touristen kommen. Mallorca lebt vom Tourismus, und selbstverständlich gibt es unzählige wunderbare Besucher und Familien, die freundlich, neugierig und respektvoll sind.
Aber es gibt auch die anderen.
Menschen betreten mit Essen und Getränken in der Hand kleine Geschäfte, gehen wortlos hinein, nehmen Dinge aus den Regalen, fassen alles an und verschwinden wieder. Kein Guten Tag. Kein Danke. Kein Auf Wiedersehen.
Und als Deutsche fällt mir unangenehm auf: Erstaunlich oft sind es meine eigenen Landsleute, für deren Auftreten ich mich fremdschäme.
Nicht weil sie Deutsche sind. Sondern weil sie offenbar vergessen haben, dass sie Gäste sind.
Vielleicht liegt darin ein Problem des modernen Massentourismus: Wir reisen heute so selbstverständlich, dass wir manchmal vergessen, dass wir irgendwo ankommen.
Der Bus hält. Zwei Stunden Santanyí. Markt, Kaffee, Shopping, Fotos – weiter.
Aus einem Ort wird ein Programmpunkt. Aus Begegnung wird Konsum.
Aber Santanyí ist keine mediterrane Kulisse. Hinter jeder Ladentür steht ein Mensch. In den Häusern wohnen Menschen. Die Gassen sind nicht dafür geschaffen worden, unseren Urlaubserwartungen zu entsprechen.
Es ist das Zuhause anderer.
Vielleicht sollten wir deshalb etwas wiederentdecken, das früher selbstverständlich war: die Würde des Gastes.
Gast zu sein bedeutet, einen anderen Ort wahrzunehmen. Seine Gewohnheiten zu respektieren. Sich ein wenig anzupassen, statt zu erwarten, dass sich der besuchte Ort uns anpasst.
Dafür braucht es wenig.
Ich muss kein Spanisch oder Mallorquin sprechen, um jemanden anzulächeln. Ein Buenos días oder Bon dia bekommt fast jeder hin. Ein gracias ebenfalls. Und Höflichkeit und Rücksichtnahme müssen wir nicht am Flughafen abgeben.
Mallorca braucht Tourismus. Aber Mallorca braucht einen Tourismus, der nicht irgendwann genau das zerstört, weshalb wir diese Insel lieben.
Vielleicht beginnt das viel kleiner, als wir denken.
An einer Ladentür.
Eintreten. Einen Menschen ansehen. Lächeln.
„Bon dia.“
Manchmal beginnt Respekt tatsächlich mit zwei Worten.
Und vielleicht verändert auch das die Energie eines Ortes.