18/08/2022
Sehen…
Es war einmal eine alte Frau Namens Lilli.
Sie war eigentlich ein fröhlicher Mensch, so dachte sie.
Doch ihr Äußeres zeigte ein anderes Bild.
Einige Menschen können in Gesichtern wie in Büchern lesen.
Es ist manchmal gar nicht so einfach im Zeitalter der Masken,
aber dieses Gesicht konnte eigentlich jeder entziffern,
wenn er etwas Interesse am Mitmenschen hat.
Die Falten auf der Stirn waren durch Misstrauen,
Sorgen und Ärger tiefen Furchen gewichen;
die Mundwinkel waren weit nach unten gezogen,
als wenn der Muskel verlernt hätte, ihn zu einem Lächeln zu formen;
Und die Augen schauten traurig und missmutig in diese Welt,
als müssten sie ständig die Umgebung nach Feindseligkeiten abtasten.
Ihr gesamtes Aussehen trug die Narben in ihrem Herz nach außen.
Als wollte ihr Körper, dass man sieht, wie es in ihr aussieht.
Doch jeder, der sie danach fragte, bekam die selbe Antwort:
„Ich bin eigentlich ein fröhlicher Mensch…“
Ja, die Menschen in ihrer Umgebung hatten tatsächlich das Gefühl,
dass sie sich in ihrem Mantel aus Bitterkeit wohl fühlte.
So konnte sie negativen Überraschungen entgehen,
und tiefen Verletzungen vorbeugen.
Sie beschwerte sich gerne über ihre Umgebung,
über die Fehler anderer, über die Schlechtigkeit der Menschen.
Mit ihren Freundinnen machte sie einen Wettbewerb daraus,
wer den schlechtesten Menschen in der Umgebung,
oder das schlechteste Ereignis des Tages zu präsentieren hatte.
Sie tauschten Anekdoten über ihre Krankheiten aus,
und versuchten sich mit ihren Leiden zu übertrumpfen.
Lilli hatte diese Treffen wirklich gerne, denn eigentlich hatte sie immer
die schlimmsten Leiden zu präsentieren, die bösesten Menschen vorzuzeigen
und das größte Unglück zu vermelden.
Und nach jedem Treffen kamen neue Leiden hinzu,
die Furchen wurden allmählich zu Kratern,
und die Menschen in ihrer Umgebung wurden abweisender.
Eines Tages traf sie eine alte Schulfreundin im Geschäft,
und wie es bei ihr üblich war, erzählte Lilli gleich, wie schlecht es ihr ging,
und das früher alles besser war.
Elisabeth, wie ihr gegenüber hieß, hörte sich alles geduldig an,
und lächelte verständnisvoll.
Als Lilli fragte, wie es Elisabeth denn ginge, natürlich nur um bestätigt zu bekommen,
dass es ihr schlechter erging, schaute ihr gegenüber etwas traurig.
„Weißt du, ich habe gerade meinen Mann zu Grabe getragen.
Aber eigentlich bin ich ganz froh darüber, denn er hatte einen unheimlich langen Leidensweg
hinter sich gebracht. Ich kann genau spüren, wie gut es ihm jetzt geht.“,
antwortete sie und begann zu lächeln. Dann umfasste sie das Kreuz, welches ihren schmalen Hals schmückte,
schaute nach oben Richtung Decke, und sprach weiter: „Aber, so Gott will,
werde ich vielleicht bald bei ihm sein. Ich habe Krebs. Doch noch kämpfe ich!
Meine Tochter ist schwanger. Ich werde Oma!
Momentan sind die Ärzte zuversichtlich, dass ich das auch eine Zeit lang sein darf!
Ich freue mich schon so darauf, und das gibt mir die Kraft den Krebs zu bekämpfen!“
Elisabeth strahlte, man konnte ihr die Vorfreude im Gesicht ablesen.
Erst jetzt fiel Lilli auf, dass die kranke Frau zwar müde wirkte,
jedoch voller Lebensfreude war. Auch sie hatte tiefe Furchen.
Aber ihre waren neben ihren Augen, welche frech und freundlich in diese Welt sahen.
Und auch um den Mund hatte sie tiefe Falten, die jedoch ein lächeln in dieses Gesicht zauberte.
Natürlich hatte sie auch Sorgenfalten auf der Stirn, doch es war,
als hätten die Lachfältchen die auf der Stirn geglättet.
Sie hatte ein unheimlich schönes Strahlen in sich, welches der ganze Körper nach außen trug.
Lilli fühlte sich unheimlich wohl bei ihr, und plötzlich,
man mag es kaum glauben, breitete sich ein sanftes Lächeln auf ihrem Gesicht aus.
Ihre Falten auf der Stirn, wurden sofort etwas glatter.
Die Augen bekamen einen schönen Schimmer, sie sahen auf einmal das Gute,
als wäre es gerade eben erst aufgetaucht.
Und so ging Lilli nach Hause, lächelnd, schwebend…
Sie rief ihren Sohn an, mit dem sie sich verkracht hatte,
entschuldigte sich, und fragte nach ihrer Enkelin.
Sie hatte das Bedürfnis ihre Familie zu sehen und nach dem Gespräch mit Elisabeth Zutaten für Kuchen eingekauft.
Sie hatte Emilie schon seit zwei Jahren nicht mehr gesehen.
Vier musste sie jetzt sein… Sie fand ihre Enkelin immer missraten;
meinte ständig ihre Schwiegertochter wäre nicht fähig zu erziehen.
Doch jetzt tat es ihr leid. Sie sagte ihrem Sohn, dass er bitte auch seine Frau mitbringen sollte.
Sie wollte sich entschuldigen. Sie wollte alles wieder gut machen.
Als die kleine Familie vor der Tür stand, staunte Lilli nicht schlecht.
In den zwei Jahren war sie zum zweiten Mal Oma geworden.
Der kleine Phillip war jetzt gerade mal sieben Wochen alt.
Lilli hatte Tränen in den Augen, sie nahm jeden einzelnen feste in den Arm.
So viel hatte sie verpasst…
Zu kurz ist die Zeit hier auf der Erde...
Von nun an wollte sie Lachfalten sammeln,
ihren Augen das Gute zeigen, was überall zu finden ist,
Leben und Lieben statt nur zu verweilen und hadern.
So ganz nebenbei wurden ihre Leiden weniger
und die Menschen in ihrer Umgebung begegneten ihr nun mit Freundlichkeit.
Nur ihre Freundinnen, die verlor sie leider.
Doch sie ist noch immer Gesprächsthema unter ihnen.
Denn was gibt es auch schlimmeres, als wenn sich ein Mensch zu seinem „Nachteil“ verändert?
Warum diese Geschichte Lilli so verändert hatte?
Was genau ihr die Augen öffnete?
Hm, ich habe keine Ahnung…
Doch erstaunlich, oder?
Manchmal bedarf es nur einer einzigen Begegnung,
um neu sehen zu lernen. Wie sagt man so schön?
Gottes Wege sind unergründlich…
Bild: Fotolia