20/08/2026
Wenn ChatGPT zum Unternehmensbewerter wird
Ein Phänomen, das uns in letzter Zeit immer häufiger begegnet: Makler, die einen Verkauf ihres Bestands oder Unternehmens erwägen, lassen sich vorab schnell eine Bewertung und ein Exposé von ChatGPT erstellen. Klingt praktisch, ist aber ein bisschen wie beim Arztbesuch, wenn der Patient schon mit einer KI-Diagnose in der Tasche das Sprechzimmer betritt: gut gemeint, aber selten die ganze Wahrheit.
Das Problem dabei: Die KI-Bewertungen fallen fast immer deutlich zu hoch aus. Sie ziehen Multiplikatoren aus dem Netz, ohne die individuelle Bestandsqualität, Provisionshaftung, Stornoreserven oder die aktuelle Marktlage wirklich einzubeziehen. Das Ergebnis sind Erwartungshaltungen, die mit dem tatsächlich durchsetzbaren Marktpreis wenig zu tun haben – und die im ersten echten Verkaufsgespräch schmerzhaft korrigiert werden müssen.
Warum ist das so?
Überhöhte Multiplikatoren: Large Language Models greifen im Netz primär auf öffentlich zugängliche M&A-Berichte, allgemeine Multiplikator-Tabellen oder Schlagzeilen zu. Diese basieren oft auf Idealszenarien oder Großtransaktionen.
Mangelnde Tiefe bei Branchenspezifika: Die mathematische Ableitung übersieht rasch operative Risiken wie Stornohaftungszeiten, die Verteilung von laufender Betreuungscourtage zu Einmalprovisonen, Klumpenrisiken im Kundenstamm oder den echten Wert der Übertragbarkeit (z. B. nach GDV-Code-of-Conduct).
Der Ankereffekt: Einmal eine utopische Zahl im Kopf, fällt der Realitätscheck im Erstgespräch emotional umso schwerer – das erschwert die Verhandlungsbasis unnötig.
Zusätzlich problematisch ist, dass KI bei komplexen Finanzberechnungen nicht nur bezüglich der Zahlen halluziniert, sondern sie kennt schlicht die aktuelle Käufer-Anforderung nicht.
Eine fundierte Bewertung berücksichtigt eben nicht nur die nackten Zahlen. Sie schaut auch auf die „weichen" Faktoren: Kundenstruktur, Digitalisierungsgrad, Abhängigkeiten, Marktumfeld, Verhandlungssituation. Erst das Zusammenspiel ergibt ein realistisches Bild dessen, was am Markt tatsächlich erzielbar ist.
Unsere Empfehlung: Nutzen Sie KI gerne zur Vorbereitung oder für erste Denkanstöße – aber verlassen Sie sich bei einer Entscheidung, die Ihr Lebenswerk betrifft, nicht allein auf einen Algorithmus. Genauso wenig, wie Sie sich bei einer ernsten Diagnose allein auf Dr. Chatbot verlassen würden.
Der Makler Nachfolger Club setzt auf eine fundierte Marktpreiseinschätzung mit der Gegenüberstellung von drei etablierten Bewertungsmethoden, die einen realistischen Marktpreis aufzeigen.
Wie ist Ihre Erfahrung – begegnet Ihnen dieses Phänomen auch schon in Gesprächen (buyside und sellside)? 👇