24/12/2015
30 Paar schwarze Augen schauen mich erwartungsvoll an. Bei manchen dazu ein Lächeln, viele ausdruckslos. Ich bin heute hier in einem Flüchtlingsheim in Brandenburg. Mehr als 100 Personen leben hier in der Mitte von Nirgendwo, mitten im Wald. Naturschutzgebiet. Kaum Anschluß. Einkaufen per Shuttlebus. Tourismus ist doch auch Beförderung von A nach B. So hatte ich mir das aber nicht vorgestellt.
Ich werde was über unser Land erzählen. Aber zuerst baue ich eine Brücke: unsere Familie lebte einige Jahre in Griechenland. Mein Vater war dort Lehrer. In den 3monatigen Sommerferien reisten wir über die Türkei nach Syrien, in den Libanon, nach Arabien. Da war noch Frieden.
Der erste Glanz in den Augen. Wo wir gewesen seien, wird gefragt. Ich sage Damaskus, ich sage Palmyra und muß schlucken, der Hals wird ziemlich eng, reiß dich zusammen, schimpf ich mich, Hama, Homs, Aleppo. Ein wunderschönes Land. Herzliche, gastfeundliche Menschen. Jeden Tag wünsche ich mir Frieden für dieses Land. Palmyra aber wird es nie wieder geben.
Die Brücke ist gebaut. Sie haben alle einen schweren Weg hinter sich. Alle kommen aus Syrien. Übers Meer. Gänsehaut. Fast alle unter 30 Jahren. Die Hälfte spricht Englisch, einer Französisch. Jetzt glänzen ihre Augen. Sie sind nach Deutschland gekommen. Ein kaltes Land. Nicht nur wegen des Wetters. In Deutschland sind die Menschen anders. Und viele Menschen hier haben Angst, weil sie noch niemals in diese dunklen Augen geschaut haben, noch niemals gesehen haben, wie zauberhaft es ist, wenn darin ein Lächeln aufblüht. Dumme Menschen, die vor solchen fremden Augen Angst haben.
Aber unser Land ist auch tolerant: es gibt so viele Religionen hier nebeneinander. Sogar die Christen sind sich nicht einig, wann sie Weihnachten feiern, die einen jetzt im Dezember, die anderen, die Orthodoxen, Anfang Januar. In Syrien habe man Weihnachten gemeinsam gefeiert, die Moslems zusammen mit den Christen in deren Kirchen. Gemeinsam. Ja, das habe ich auch gelesen in der Rede von Navid Kermani, der diesen Oktober den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekam, eine der bewegendsten Reden, die es je nach Martin Luther King je gegeben hat. Herr Kermani sprach von den gemeinsamen Weihnachten in Syrien, und davon wie sich trotz aller Gräuel und der verschiedenen Kriegsparteien Moslems schützend vor die Christen stellten, sie befreiten. Und daß das schlimmste doch sei, daß die Christen in diesem Land hier die Christen in Arabien abgeschrieben hätten.
Davon habe ich dann nichts erzählt. Ich habe diese Menschen inmitten des Brandenburger Waldes nicht abgeschrieben. Ich habe sie darum gebeten, Geduld zu haben und ihre reichliche Zeit jetzt zu nutzen, um die Sprache zu lernen. Language - language - language!
Ich habe sie darum gebeten, auf die Menschen zuzugehen in diesem Land, ihnen in die Augen zu blicken und um Hilfe zu bitten. Es wird keinem Hilfe versagt werden. Ich habe sie um Geduld mit uns Menschen gebeten, die wir auch die Chance haben müssen, uns auf diese neue Situation einzustellen, denn auch das geht nicht von heute auf morgen, sondern braucht Monate der Organisation. Ich habe für Verständnis darum gebeten, daß Deutsche sehr direkt sind in ihren Aussagen. Und daß es Regeln gibt, die eingehalten werden müssen. Wer sich nicht daran hält, der muß es auch nicht, aber er muß mit den Konsequenzen leben können.
Idioten gibt es überall: in Syrien hat man sich von den Wahnsinnigen beherrschen lassen. In Europa wird man hoffentlich dem Wahnsinn nicht nachgeben und darauf bestehen, was unser Wertesystem ausmacht: Freiheit, Toleranz, Demokratie, Mitmenschlichkeit. Dies sind universelle Werte, die nicht nur für Europäer und Deutsche gelten. Wenn unser Land auch nur den Dreck unterm FIngernagel wert sein soll, dann werden wir auf keinen dieser Werte verzichten und darauf bestehen, daß diese Werte immer und für jeden gelten: für uns, für die Menschen in Arabien, in Afrika, in Asien, in Amerika, in Australien. Für jeden.
Wenn es uns nicht paßt, daß sich so viele Menschen von unserer Freiheit angezogen fühlen, dann sollten wir uns schleunigst darum kümmern, daß die Ursachen der Situationen behoben werden: Deutschland lebt sehr gut von seinen Waffenexporten genau an diese Wahnsinnigen, vom Öl dieser Wahnsinnigen, von den subventionierten Gütern in die Flüchtlingsquellmärkte, die dort die Märkte kaputt und die Menschen bewußt und gewollt abhängig machen. Wir sind keine Heiligen, genauso wenig wie irgendjemand sonst auf dieser Welt.
Weihnachten ist der Zeitpunkt im Jahr, der uns die Chance gibt, darüber nachzudenken, was ich im Kleinen machen kann. Was mir wichtig ist. Toleranz ist nicht, daß mir etwas egal ist und ich es deshalb dulde. Toleranz ist wie Teilen: es hat nur dann eine wirkliche Bedeutung, wenn es mir was ausmacht. Sonst wäre es mir ja egal, wenn es mir nichts ausmachte. Toleranz ist, wenn es mir sehr wohl was ausmachen würde, aber ich es dennoch dulde. Aus Prinzip. Teilen ist nicht das Abgeben von Brosamen, sondern echtes Teilen des Wenigen, was ich selber habe. Das ist die Bergpredigt: aus dem Wenigen des einzelnen das Ausreichende für alle zu machen. Wir sollten uns daran erinnern, weshalb dieser Kontinent so reich geworden ist, was die Ursache seiner Werte gewesen ist. Und das reicht nun einmal bis zur Bergpredigt zurück, egal welcher Religion ich heute angehöre oder auch nicht.
Weihnachten: wir denken an die Geburt eines Menschen, der die Welt verändert hat. Er teilte, er lebte Toleranz, er starb für das Unrecht, das andere vollzogen, weil er dennoch ihre Menschlichkeit anerkannte. Diese Person gab es. Ich denke daran, daß es immer Menschen gab, die sich unabhängig von der eigenen Befindlichkeit für die Freiheit und Unversehrtheit anderer eingesetzt haben.
Das ist das, wovon ich ausgehe, daß es das Fundament unseres Landes ist. Und das ist gut so und soll auch so bleiben.
Frohe Weihnachten!